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Netflix-Tipp

Sweet Tooth ist ein bittersüsses Märchen für Junggebliebene

Muhammed Keskin, 19. Juni 2021, 10:05 Uhr
Du brauchst etwas, um dein Netflix-Sommerloch zu füllen? Du magst Abenteuerserien, postapokalyptische Märchen und kannst mit Kinder-Helden mitfiebern? Sweet Tooth ist Stranger Things für Fantasy-Liebhaber. Dieses Review ist spoilerfrei.
Der Protagonist «Gus» gespielt von Christian Convery.
© Netflix

Deshalb ist die Serie sehenswert

Du kennst das Gefühl sicher auch – diese Netflix-Nachwehen. Nach dem Binge-Watching fällst du in ein Loch und die Serie läuft auf Repeat in deinem Kopfkino. Sweet Tooth hat diese magische Anziehungskraft. Du kannst nicht mehr loslassen wie die erste grosse Liebe nach der Trennung.

Sweet Tooth fängt heimelig an, die grossen Mysterien werden vorerst ausgeklammert und wir dürfen uns am Charakter-Lagerfeuer aufwärmen. Der Fokus springt flohartig von Figur zu Figur. «Gus» darf den Lead übernehmen und sogar eingefleischte Filmkinder-Hasser können nicht anders, als ihn zu lieben. Seine unbefleckte Art erinnert uns daran, wie es selbst war als Kind, so unbeschwert – nichts war unmöglich. Gerade die Dynamik mit seinem Reisepartner Tommy Jepperd – oder einfach «grosser Mann» – hauchen der Serie Zugehörigkeit ein. Die Dialoge wirken oberflächlich, doch zwischen den Zeilen stecken tiefgründige Gedanken.

Diese Eisberg-Taktik dockt auch bei den anderen Charakteren an. Die Geheimnisse der Figuren wollen entziffert werden, ebenso wie es zum Ausbruch kam, warum es Hybride gibt, was das Heilmittel sein wird. All diese Fragen tragen wir mit wie einen Rucksack. Bis die Mysterien sich entblössen, auf ganz natürliche Art und es fühlt sich richtig an.

Und natürlich könnte die Serie nicht zu einem passenderen Zeitpunkt erscheinen. Die Serie schafft es unterschwellig und clever das Thema Rassismus zu behandeln oder die Corona-Pandemie in die Story zu verpacken, ohne gezwungen zu wirken. Und diese Elemente stellen einen Spiegel vor uns, in den wir nicht reinschauen wollen, aber dringend müssten.

Hier hat die Serie Potenzial verschenkt

Der grösste Kritikpunkt geht wie so oft bei Adaptionen an die Übersetzung von Textblasen zum bewegten Bild. Die Produzenten haben die Quelle mit Samthandschuhen angefasst und möglichst kinderfreundlich abgespeckt. Der Comic ist gnadenlos und heftig. Hätte Sweet Tooth mehr von der Quelle geschöpft, wäre die Serie noch unberechenbarer und spannender ausgefallen. So treten Fantasy und Märchen in den Vordergrund, ohne die Horrorelemente verliert der Streifen an Balance wie Kinder ihre Heliumballons an Festen.

Fairerweise muss das nicht zwingend ein Minuspunkt sein, wenn man die Vorlage sowieso nicht kennt. Doch gerade da hätte sich Sweet Tooth von Mitbewerbern abheben können – dunklere Twists, gestörtere Charaktere, trostlosere Ansichten.

Hast du die Serie schon gesehen? Verrate uns in den Kommentaren, wie du sie gefunden hast. Aber bitte für die anderen nicht spoilern. 

(kmu)

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 19. Juni 2021 10:03
aktualisiert: 19. Juni 2021 10:05