Wissen-Geschichte

Darum explodieren in Nordirland wieder Bomben

Raffaele Keller, 10. April 2021, 08:37 Uhr
In den letzten Tagen und Wochen ist es in Nordirland zu wiederholten Protesten von Randalierern gekommen. Dabei wurden Dutzende Polizisten verletzt. Was nach extremer Gewalt tönt, war in Nordirland jahrelang trauriger Alltag. Eine historische Einordnung.
Player spielt im Picture-in-Picture Modus

Quelle: CH Media Video Unit

Den aktuellen Ausschreitungen geht eine Entscheidung der Staatsanwaltschaft voraus, hochrangige Politiker der katholisch-republikanischen «Sinn Fein» Partei nach der Teilnahme an der grossen Beerdigung eines ehemaligen IRA-Terroristen nicht wegen Verstössen gegen die Corona-Regeln zu belangen.

Der Nordirland-Konflikt

Und damit befinden wir uns mitten im (ehemaligen) Nordirland-Konflikt. In diesem standen sich – vereinfacht erklärt – jahrzehntelang zwei Seiten gegenüber. Auf der einen Seite standen die protestantischen-Unionisten, die sich für die Union mit Grossbritannien aussprachen und gegen ein vereinigtes Irland. Auf der anderen Seite standen hauptsächlich katholisch-republikanische Anhänger, die sich für eine Abspaltung von Grossbritannien einsetzten und für ein geeintes Irland waren. Die Unterscheidung der beiden Lager nach Konfession geht dabei Jahrhunderte zurück.

Belfast, 2007: Eine Wandmalerei zeigt deutlich, dass zwar Frieden herrscht, der Krieg aber nicht weit ist.

© Keystone / AP / Peter Morrison

Die Anfänge zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Für das Verständnis der heutigen Konflikte sind die Ereignisse ab dem 20. Jahrhundert entscheidend. Ausgelöst durch den Osteraufstand von 1916 in Dublin (heutige Republik Irland), der von britischen Truppen niedergeschlagen wurde, erhielt die Sinn Fein Partei und die ihr nahestehende Irisch-Republikanische Armee (IRA) starken Zuwachs. Es kam zu Gewalt auf beiden Seiten, der im irischen Unabhängigkeitskrieg gipfelte, der bis 1921 dauerte. Von da an war die irische Insel geteilt. Der Süden wurde ein Freistaat – ab 1948 die “Republik Irland” – und der Norden gehörte als Nordirland weiterhin zu Grossbritannien. So blieb die Situation bis zu den 1960ern verhältnismässig ruhig. In Nordirland regierten die protestantischen Unionisten, die die katholischen Republikaner durch Gesetze systematisch diskriminierten.

Dublin, 1916: Ein Bild der Zerstörung nach dem sogenannten Osteraufstand in Irland.

© Keystone / AP / STR

Das Wiedererstarken der Extremisten

In Hinblick auf das 50-Jahr-Jubiläum des Osteraufstandes glaubten einige radikale Protestanten, an ein Wiederaufleben der IRA. Sie (neu-)formierten deshalb die illegale, paramilitärische Ulster Volunteer Force (UVF) – Ulster wird die historische Region in Nordirland genannt. Sie verschärften die Gewalt gegen Katholiken und schreckten auch vor Hinrichtungen nicht zurück. Ihr erklärtes Ziel: Die IRA auslöschen.

In der Folge wurden Kundgebungen und Demonstrationen beider Seiten von Radikalen der jeweils anderen Seite überfallen. Den traurigen Höhepunkt dieser Entwicklung bildeten die Ereignisse in der Stadt (London-)Derry am 30 Januar 1972. Sie gingen als Blutsonntag, “Bloody Sunday”, in die Geschichte ein. Die Ereignisse schürten den Konflikt erneut, weitere Anschläge und Ausschreitungen waren die Folge.

Der Blutsonntag war der traurige Höhepunkt einer Reihe von Auseinandersetzungen. Und gleichzeitig der Beginn einer Reihe von terroristischen Racheakten der IRA, wie hier in London am 18. Dezember 1973. Durch eine Autobombe werden 40 Personen verletzt.

© Keystone / STR

Die Terrororganisation IRA

Bekannt sind im Besonderen die Terroranschläge der IRA. Die durch die Ereignisse radikalisierte IRA wollte, nach eigenen Angaben, die katholische Bevölkerung schützen. Jedoch wollte sie auch den nordirischen Staat destabilisieren. Sie beging Bombenanschläge, Raubüberfälle, nahm Geiseln und tötete gezielt Polizisten und Soldaten. Keine Frage: Gewalt erzeugt Gegengewalt. Auch auf protestantischer Seite radikalisierten sich die Paramilitärs. Es war ein Teufelskreis. Es wütete ein blutiger Bürgerkrieg.

Obwohl die IRA offiziell schon 2005 ihren bewaffneten Kampf für beendet erklärte, gibt es immer noch militante Splittergruppen und Sympathisanten.

© Keystone / EPA / Neil Hall

Hoffnung auf eine Besserung gab es erst im Jahr 1988, als zwei Männer – Gerry Adams und John Hume – begannen über Frieden zu sprechen, zunächst im Geheimen, dann mit immer mehr Parteien. Es dauerte nochmal zehn Jahre und etliche Bombenanschläge und Schiessereien bis der Nordirland-Konflikt am 10. April 1998 mit dem Karfreitagsabkommen endete. In den Jahren des Konflikts – zwischen 1969 und 1998 – starben rund 3’500 Menschen und fast 50’000 wurden verletzt. Noch heute ist die Gesellschaft deswegen tief gespalten – es blieb ein fragiler Frieden.

John Hume (rechts) und David Trimble werden für ihre Arbeit im Hinblick auf das Karfreitagsabkommen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

© Keystone / AP NY / Jon Egg

Vom Karfreitagsabkommen zum Brexit

Obwohl in den letzten über 20 Jahren grössere Auseinandersetzungen ausblieben, ist es immer zu einzelnen Angriffen, Attentaten und Krisen gekommen. So wurde im April 2019 bei Auseinandersetzungen in (London-)Derry eine Journalistin tödlich verletzt. Eine Splittergruppe der IRA bekannte sich zu dem Anschlag.

Die Forderung ist klar: Keine harte Grenze auf der irischen Insel.

© Getty Images

Der Brexit schliesslich brachte den Nordirland-Konflikt zurück auf das politische Parkett. Das Problem: Ein harter Brexit hätte auch eine harte Grenze zur Republik Irland zur Folge, was für viele katholische Republikaner eine rote Linie bedeutet hätte. Deshalb gibt es nun den Sonderstatus Nordirlands im Abkommen. Nur: Dieser stösst nun wiederum auf Widerstand in Teilen des protestantisch-unionistischen Lagers. Mit diesem Sonderstatus ist Nordirland, das bekanntlich ein Teil Grossbritanniens ist, weiterhin de facto Teil des EU-Handelsraums geblieben, um Warenkontrollen an der Grenze zum EU-Mitgliedsstaat Republik Irland zu verhindern. Stattdessen finden nun aber Kontrollen an den Häfen statt, wenn Waren aus den anderen Teilen Grossbritanniens nach Nordirland kommen.

Brexit und Corona, unerfüllte Hoffnungen und ungelöste Konflikte, sowie ein schweres, historisches Erbe machen Nordirland zu einem Pulverfass. Die aktuellen – vergleichsweise noch harmlosen – Konflikte sollten als Erinnerung und als Warnung verstanden werden.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 10. April 2021 08:37
aktualisiert: 10. April 2021 08:37
Anzeige