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Warum «365 Days» trotz Kontroversen die Hitlisten dominiert

Mario Trlaja, 29. Juni 2020, 20:55 Uhr
Ein Mafiaboss entführt eine Frau, bis sie sich in ihn verliebt – mit allen Mitteln
© Screenshot Netflix
Der polnisch-italienische Sexfilm «365 Days» ist zurzeit in aller Munde. Seit Wochen hält er sich an der Spitze der Netflix-Charts – trotz Kritik von allen Seiten.

«Are you lost baby girl?»

Wer kennt es nicht? Du, gestandene Karrierefrau, fährst mit deinem Freund, der dir schon lange keine Aufmerksamkeit mehr schenkt, nach Sizilien in die Ferien. Dort begegnet dir ein junger, gutaussehender Mafiaboss. Vor fünf Jahren verliebte er sich in dich, als sein Vater vor seinen Augen ermordet wurde (wirklich). Ihr seht euch zum ersten Mal in die Augen und er sagt: «Are you lost baby girl?»

So beginnt 365 Days, der Film, der seit Wochen die Netflix-Charts dominiert. Was folgt, ist eine Mischung aus Märchen und Porno-Handlung. Mafiaboss Massimo entführt die Polin Laura in seine Villa und will ihr ein Jahr Zeit geben, sich in ihn zu verlieben. Ob und wie er das schaffen will, dazu möchten wir nicht zu viel verraten. Nur so viel: Massimos Trickkiste ist gross. Fesselspiele, Shopping-Touren und Oralsex mit anderen Frauen gehören dazu. Stockholm-Syndrom allein genügt nicht, um Lauras Herz zu gewinnen.

Einzig die Sex-Szenen sind gelungen

Die meisten Filme sind schlechter als ihre Buchvorlage. Einige wenige sind etwa gleich schlecht. So auch bei 365 Days. Wie sein Idol «50 Shades of Grey» basiert die polnische Version auf einer Romanvorlage. Und wie sein Idol wurde auch «365 dni», wie der Roman im Original heisst, von den Kritikern verrissen und von zahlreichen Lesern verschlungen.

Ähnliches ereignet sich derzeit auf Netflix. 365 Days dominiert die Hitlisten, obwohl er in vielerlei Hinsicht zu wünschen übrig lässt. Die Dialoge zwischen den Hauptdarstellern in holprigem Englisch sind hölzern. Die Filmmusik klingt, als hätte jemand wahllos nach Songs ohne Urheberrecht gesucht und die Handlung ist ungefähr das, was sich Hausfrauen in Polen unter einer Romanze mit einem südländischen Beau vorstellen. Klischeehafter wäre der Film nur noch, wenn der Mafioso-Sexgott «Rocco» heissen würde.

Überzeugend sind tatsächlich lediglich die Sexszenen. Hier spüren die Zuschauer zum ersten Mal so etwas wie Chemie zwischen den Hauptdarstellern Michele Morrone und Anna-Maria Sieklucka. Das dabei mehrmals ein Fake-Penis zu erkennen ist, sei hier verziehen.

Was dürfen Fantasien? Und wer entscheidet darüber?

Wie 50 Shades of Grey bleibt auch 365 Days nicht vor Kontroversen verschont. Juso-Präsidentin Ronja Jansen forderte hierzulande, den Film zu verbieten. Er vermittle ein falsches Verständnis von Sexualität und der Unterdrückung von Frauen.

Es stimmt. Ein gegenseitiges, unmissverständliches Einverständnis zum Sex sucht man in 365 Days vergeblich. Es stellt sich jedoch die Frage, ob es dies in der Fantasie braucht oder ob wir einem erwachsenen Publikum zumuten können, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden. Liegt nicht genau hier der Reiz der Fantasie?

Anders lässt sich der kommerzielle Erfolg des Streifens (beim meist weiblichen) Publikum auch nicht erklären. Auf dem Instagram-Profil von Michele Morrone finden sich unter den Kommentaren zahlreiche Aufrufe von Frauen, er solle doch das nächste Mal sie entführen. Die lautstarken Kritiker würden wohl entgegnen: «Are you lost baby girl?»

(tma)

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 29. Juni 2020 06:51
aktualisiert: 29. Juni 2020 20:55