EU-Parlament entscheidet

Darf «Vegi-Fleisch» noch Fleisch heissen?

23. Oktober 2020, 06:43 Uhr
Vegane Burger der Marke Impossible Foods, die in der Schweiz nicht zugelassen sind.
© PilatusToday
Sieht aus wie Fleisch, kaut sich wie Fleisch - und schmeckt im besten Fall auch so. Aber dürfen Ersatzprodukte wie Steaks aus Seitan auch gleich heissen, wie ihre fleischigen Äquivalente? Eine Abstimmung in Brüssel heizt die Debatte wieder an.

Jetzt geht es um die (Veggie) Wurst: Das Europaparlament stimmt am Freitag über einen Gesetzesentwurf ab, nach dem pflanzliche Lebensmittel keine tierisch anmutenden Bezeichnungen mehr tragen dürfen. Dass Hersteller ihre Fleischersatzprodukte Soja-Schnitzel oder Tofu-Burger nennen können, wäre damit passé - das Vorhaben wird jedoch innerhalb des EU-Parlaments mit Skepsis gesehen.

Entscheidung am Mittag erwartet

Der Gesetzesvorschlag ist Teil eines Berichts zur Gemeinsamen Agrarreform (GAP) der Europäischen Union, über die das Parlament in dieser Sitzungswoche abstimmt. Anschliessend geht das EU-Parlament in die Verhandlungen mit EU-Rat und EU-Kommission. Dass es der Gesetzesentwurf dann auch in das endgültige Reformpaket zur Agrarpolitik schafft, ist nicht sicher. Erwartet wird die Entscheidung des Parlaments gegen Mittag.

Milch muss aus Eutern kommen

Und der Vorlage zufolge soll es nicht nur der Tofu-Wurst an den Speck gehen: Er sieht auch strengere Regeln für Milch-Alternativen vor. Bezeichnungen wie «Mandelmilch» sind in der EU bereits verboten. Der Europäische Gerichtshof urteilte 2017, dass als Milch nur Erzeugnisse bezeichnet werden dürfen, die aus der «normalen Eutersekretion» von Tieren gewonnen werden. Das Gleiche gilt für die Bezeichnungen von Milchfolgeprodukten als «Käse» oder «Butter». Bezeichnungen wie Erdnussbutter sind dagegen in der EU zulässig.

Wir halten die ganze Debatte für völlig überflüssig», sagte der FDP-EU-Abgeordnete Jan-Christoph Oetjen der Deutschen Presse-Agentur. «Wir sind überzeugt, dass sich der Bürger selbst ein Bild machen kann.» Schließlich wisse der Verbraucher auch, dass man Scheuermilch nicht trinken könne, so Oetjen. Er kündigte an, dass die FDP gegen die Änderungsanträge stimmen werde.

Haben die Bauern Angst?

Vor allem Landwirtschaftsverbände hatten vorab massiv Werbung für das Verbot der Fleischbezeichnungen für Ersatzprodukte gemacht. Der Deutsche Bauernverband (DBV) forderte «ehrliche» Produktnamen für Ersatzprodukte. «Ein Marketing, mit dem das Original erst in Verruf gebracht und dann in der Bezeichnung kopiert wird, ist unlauter», erklärte DBV-Generalsekretär Bernhard Krüsken.

Es ginge nicht darum, den Veggie-Markt auszubremsen, betonte der Vorsitzende des Agrarausschusses des Europaparlaments, Norbert Lins (CDU). Er forderte jedoch Klarheit bei den Bezeichnungen. «Wir wollen die Bezeichnung «reiner» Fleischprodukte schützen, während das Ersatzprodukt für Fleischzubereitungen das «Veggie-Label» führen sollte.»

Grünen-Europapolitiker Martin Häusling sah kein Risiko, dass es bei Veggie-Burgern und Burgern aus Fleisch zu Verwechslungen am Kühlregal kommen könnte. Er befürchte eher, dass das EU-Parlament Gefahr laufe, damit in einer «zweiten Gurken-Verordnung» zu enden. Die berühmt-berüchtigte - und mittlerweile wieder aufgehobene - Verordnung zur erlaubten Krümmung von Gurken wird von Kritikern gern als Beispiel für eine Überregulierung aus Brüssel genannt.

Quelle: DPA
veröffentlicht: 23. Oktober 2020 06:43
aktualisiert: 23. Oktober 2020 06:43