200 Tage Krieg

Ist die Ukraine auf dem Weg zum Sieg gegen Russland?

12. September 2022, 20:34 Uhr
Die ukrainischen Truppen brachten in den vergangenen Tagen viele besetzte Gebiete wieder unter ihre Kontrolle. Präsident Wolodymyr Selenskyj spricht von einem Wendepunkt. Politikexperte Erich Gysling schätzt im Interview die Lage ein.
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Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zieht nach 200 Tagen Krieg in seinem Land eine positive Bilanz. In den 200 Tagen hätten seine Truppen viel erreicht, aber das Wichtigste und damit das Schwierigste liege noch vor der Ukraine, sagte er in einer Videoansprache in der Nacht auf Montag.

Mit dem Vorstoss nahe der Grossstadt Charkiw brachten die ukrainischen Streitkräfte mehr als 3000 Quadratkilometer des besetzten Gebiets wieder unter die Kontrolle Kiews. «Ich glaube, dieser Winter ist der Wendepunkt, und er kann zur schnellen Befreiung der Ukraine führen», sagte Selenskyj bereits am späten Samstagabend. Die Ukraine sehe, wie die russischen Streitkräfte in einige Richtungen fliehen würden.

Politik-Experte Erich Gysling schätzt in einem Interview mit CH Media Radionews die aktuelle Lage eine.

Herr Gysling, 200 Tage Ukraine-Krieg. Was ist Ihre Bilanz?

Die ukrainischen Streitkräfte halten sich erstaunlich gut und die Durchhaltekraft der ukrainischen Bevölkerung ist lang. Auch begibt sie sich mit grosser Opferbereitschaft weiter in diesen Konflikt hinein. Es sieht danach aus, als hätte die Ukraine jetzt sogar wenigstens einen momentanen Wendepunkt erreichen können, indem sie die russischen Truppen zurückschlagen konnte rund um Charkiw und zum Teil auch im Süden des Landes.

Was hat Sie am Krieg am meisten überrascht?

Erstens überraschte mich der Durchhaltewille der ukrainischen Bevölkerung. Zweitens überrascht mich auch, wie der Westen in Bezug auf die Hilfe zugunsten der Ukraine immer noch durchhält und wie relativ schwach und nicht organisiert die russische Seite ist. Das ist erfreulich, denn wir nahmen an, dass die Russen innert weniger Tage oder Wochen eine Entscheidung herbeiführen würden. Doch all das ist nicht passiert.

Unsere Informationslage ist etwas verzerrt. Wir haben viele Informationen von der Ukraine und wenige von russischer Seite. Wie sorgen Sie dafür, dass Sie nicht Opfer von ukrainischen Informationskampagnen werden?

Da haben Sie recht. Wir alle haben keinen vollen Überblick. Aber das, was auch westliche Geheimdienste mitteilen können, darunter besonders die britischen und amerikanischen, ist doch noch erstaunlich. Am Anfang hatte ich gegenüber dem Geheimdienst der Briten und Amerikaner grosses Misstrauen. Die Amerikaner machten schon fürchterliche Fehlmeldungen. Dies war in zwei Kriegen im Mittleren Osten zum Beispiel der Fall. Das Misstrauen war berechtigt.

Aber jetzt hat sich gezeigt, dass die Berichte im Fall des Ukraine-Kriegs relativ genau sind. Ich lese russische Medien und russische Exilmedien. Da kommt aber nicht viel raus, weil die russische Seite sehr wenig bekannt gibt. Sie färbt sicher mehr schön als die ukrainische Seite. Auch die Ukrainer tun das auf ihre Arte und Weise. Aber nur schon, dass der Krieg 200 Tage dauert, ist ein erstaunliches Faktum. Es zeigt, dass sich die ukrainische Seite viel besser hielt, als man meinte.

Wo wäre die Ukraine ohne die westliche Militärhilfe?

Ohne die westliche Militärhilfe hätte sie den Konflikt so nicht durchhalten können – davon bin ich überzeugt. Die entscheidende Wende passierte bereits, als westlichen Waffen dazukamen. Die Ukrainer können auch auf erstaunliche Weise damit umgehen. Die russische Seite gibt sich viele Blössen, indem sie zu Beginn des Kriegs sogenannte Hyperschallwaffen einsetzte. Man könnte davon ausgehen, dass nicht viele davon vorhanden sind. Es sieht so aus, als hätten sie nur Prototypen oder wenig von diesem modernen Kriegsmaterial zur Verfügung. Ansonsten haben sie relativ traditionelles Material. Auch die Ukraine verfügte zu Beginn nur über solches. Dann kamen aber die westlichen Waffensysteme dazu, die entscheidend zur Wende beitrugen.

Hat die russische Armee noch die Fähigkeit zu einer Gegenoffensive rund um Charkiw oder auch bei Cherson?

Wir wissen nicht, wie viel Militärmaterial und Mannschaft die Russen tatsächlich mobilisieren können und in welcher Zeit das möglich ist. Wir hoffen alle, dass dies nicht möglich sein wird und es ihnen somit nicht gelingt, in kürzester Zeit wieder grössere Verbände einsetzen zu können.

Denken Sie, dass Russland auch einen Krieg in anderen Gebieten anheizen kann?

Zurzeit sieht es nicht danach aus. Zentralasiatische Staaten wie Kasachstan distanzieren sich viel stärker von der russischen Strategie und der Politik Putins. Dies nahm man zu Beginn auch nicht an. Bei der kaukasischen Komponente mit Armenien und Georgien machen die Russen sicherlich nichts aktiv. Die Russen sind dort mit ihrem kleinen Kontingent nach wie vor vorhanden. Sie sagen, dass sie die Waffenruhe zwischen Armenien und Aserbaidschan sicherten. Dort haben sie wenige Tausend Soldaten. Diese lassen sie dort auch offenkundig. Eine andere Ausweitung sehe ich zurzeit nicht.

Was ist ein realistisches Ausgangsszenario für diesen Krieg?

Annehmen muss man, dass sich der Krieg noch viele Monate hinziehen wird. Das ist das, was man zurzeit sagen kann.

(bza)

Quelle: Today-Zentralredaktion
veröffentlicht: 12. September 2022 19:52
aktualisiert: 12. September 2022 20:34