Shitstorm

Kinder an der Leine führen? «Das geht gar nicht»

31. August 2022, 13:38 Uhr
Wer sein Kind an die Leine nimmt, der erntet so einige böse Blicke auf der Strasse. Auch ein Vater aus den USA hat das bemerkt, als er ein Video im Netz postete. Doch wie wirkt sich das auf das Kind aus? Wir haben bei einem Experten nachgefragt.

Quelle: ArgoviaToday / Severin Mayer

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Ob im Zoo oder am Bahnhof, wir alle haben bereits Eltern beobachtet, welche ihre Kinder wortwörtlich an der kurzen Leine halten. Auch der US-Papi Jordan Diskrell macht das mit seinen Kindern. Seine Fünflingen bindet er während den Familienausflügen an die Leine und stellt Videos davon auf seinen Instagram-Account unter dem Titel «Kids on Lashes», was zu Deutsch «Kinder an der Leine» heisst. Die Videos sorgen bei der Community für jede Menge Kritik.

Auf seiner Instapage begründet Diskrell seine Methode damit, dass seine Kinder gerne zu Fuss unterwegs sind und ihm eine Leine die Möglichkeit gibt, dass er die Kinder nicht in einen Kinderwagen stecken muss. Weiter hat er seine Fünflinge dank der Leine bestens unter Kontrolle. Diskrell versichert: «Die Kinder lieben es.»

Der Aarauer Psychotherapeut Thomas Estermann ist sich bezüglich dieser Aussage jedoch nicht schlüssig. «Kinder wollen nicht an der Leine gehalten werden, sondern sich frei bewegen können.» Ebenfalls könnten die Kinder von Diskrell gar nicht wissen, wie es ist, ohne Leine zu spielen.

«Das geht gar nicht!»

Sein Kind an die Leine zu nehmen, kann man laut Estermann mit Freiheitsentzug vergleichen. «Kinder wollen spielen und die Welt entdecken. Das können sie bestimmt nicht machen, wenn sie an einer Leine sind.» Weiter erklärt er, dass es zwar zu Situationen kommen kann – wie beispielsweise auf der Skipiste –, in denen es legitim sei, sein Kind an der Leine zu halten, im Alltag sollte man das jedoch unterlassen. «Wenn Kinder sehen, dass sie an der kurzen Leine gehalten werden, ihre Freunde jedoch frei herumrennen können, ist das nicht gut für die Entwicklung.» Der Experte rät den Eltern von dieser Methode ab.

«Es gibt bessere Alternativen»

Dass Eltern ihr Kind an die Leine nehmen, kann laut Estermann nur einen Grund haben: «Sie haben wahrscheinlich Angst, dass ihren Kindern etwas passieren könnte. Es ist sicherlich mit einer zu grossen Fürsorge und Kontrolle verbunden.» Falls das der Fall sei, gibt es laut dem Psychotherapeuten jedoch um einiges humanere Varianten. «Wenn es zu einer Situation kommt, in der man sein Kind verlieren kann, dann sollte man es an die Hand nehmen.» Man müsse halt als Eltern erfinderisch werden, wie Estermann weiter erzählt. Im Sinne des Kindes sei es sicherlich nicht, die Eltern aus den Augen zu verlieren: «Sie haben vielleicht etwas Spannendes gesehen, was sie genauer entdecken wollten und rennen davon.» Doch auch das gehöre laut Estermann zur Entwicklung dazu.

(red.)

Quelle: ArgoviaToday
veröffentlicht: 1. September 2022 05:43
aktualisiert: 1. September 2022 05:43