Kriegsgebiet

Luzerner Auswanderer in Kiew:«Habe meine Fenster verbarrikadiert»

26. Februar 2022, 21:20 Uhr
Es sind verstörende und surreale Bilder, die wir im Moment aus der Ukraine erhalten: Am dritten Tag des russichen Kriegs gegen die Ukraine erschüttern mehrere Explosionen Kiew. Eine Rakete trifft ein Wohnhaus, offenbar wurde dabei aber niemand getötet. Mitten in Kiew ist im Moment auch Claus Feederle. Er ist Ende September mit dem Motorrad von Luzern in die Ukraine gefahren. Dort wollte er seine Pension geniessen.
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Quelle: Tele1

«Ich habe keine panische Angst, aber Sorge», sagt Claus Feederle im Interview mit PilatusToday und Tele 1. Nachts hört er in seiner 2-Zimmer Wohnung, wie Helikopter Raketen über der Stadt abfeuern. Schlafen könne er aber gut. «Das erstaunt mich selber», sagt er.

Trotz der vielen Unsicherheiten und Kämpfe: Die Ukrainer seien ruhig. «Die Leute sind sehr gefasst und freundlich.» Das Leben gehe grösstenteils normal weiter. Die Supermärkte seien noch geöffnet. «Allerdings geht den kleineren Quartierläden langsam die Ware aus. Brot und Frischwaren gibt es nicht mehr. Wenn das so weitergeht, kommt es zu einem Versorgungsengpass.» Bereits geschlossen sind die Banken. Die Bankomaten hätten zwar vor zwei Tagen noch Geld ausgespuckt, ob das aber immer noch so ist, müsse er ausprobieren, sagt Feederle.

Viele Menschen flüchten aus der Stadt

Der Alltag der Ukrainer geht grösstenteils weiter wie gewohnt. «Natürlich ist es schrecklich, aber es ist nicht so, dass die Leute nicht leben könnten. Die Leute sind nicht panisch und nicht überfordert mit der Situation.» Und doch merkt man, dass etwas in der Luft liegt. «Viele verlassen Kiew und das Land. Am Bahnhof sieht man viele Menschen mit Koffern», sagt Feederle.

Auch Feederle selbst wird bald seine Koffer packen. Denn: «Die Kampfhandlungen werden näher kommen. Erste Kämpfe in meiner Strasse wird es wohl diese Nacht geben», schätzt der 67-Jährige ein. «Ich habe meine Fenster verbarrikadiert, so wie es sein muss. Wenn's dann wirklich so weit kommen sollte, lege ich mich auf den Boden. Die Mauern sind sehr dick. Ich hoffe, dass sie nicht mit Raketen schiessen werden, sondern mit einem Maschinengewehr.»

Immer wieder beschliessen Ukrainer, die nicht in der Armee sind, gegen die Russen zu kämpfen. «Vor einer Stunde kam ein Bekannter vorbei und sagte, dass er jetzt kämpfen gehe. Ich weiss nicht, ob ich nochmals etwas von ihm hören werde oder nicht.» Die Frage, ob auch er für die Ukraine in den Krieg ziehen wird, könne er für sich nicht abschliessend beantworten. «Für mich als Ausländer kommt das eher weniger infrage, ausser, es geht um mein Leben.»

Ukraine unter Putin keine Option

Feederle hat ein Ticket für einen Flixbus nach Warschau für Mittwoch gekauft. «Das Ziel ist, aus der Ukraine raus zu kommen und dann ein paar Tage zu entspannen und Druck abzubauen. Wie es dann weiter geht, weiss ich nicht.» Doch für Feederle ist klar: Unter einer allfälligen Regentschaft Wladimir Putins ist die Ukraine für ihn keine Option mehr.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 26. Februar 2022 19:27
aktualisiert: 26. Februar 2022 21:20
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