Deutschland

Neue Corona-Variante isoliert Grossbritannien - EU aber noch uneins

21. Dezember 2020, 17:35 Uhr
Alle Check-in-Spuren im Hafen von Dover sind gesperrt. Wegen der rasanten Ausbreitung der in Großbritannien entdeckten Variante des Coronavirus hat neben anderen Staaten Frankreich die Grenzen zum Vereinigten Königreich geschlossen. Foto: Steve Parsons/PA Wire/dpa
© Keystone/PA Wire/Steve Parsons
Wegen der in Grossbritannien entdeckten neuen Variante des Coronavirus ist das Land zunehmend isoliert. Seit Montag dürfen in Deutschland bis zum 31. Dezember keine Flugzeuge aus Grossbritannien mehr landen, um die Verbreitung der von den Briten als besonders aggressiv eingestuften Mutation zu unterbinden. Zahlreiche weitere Länder stoppten die Einreise aus Grossbritannien ebenfalls - allerdings noch lange nicht alle. Aus EU-Kreisen hiess es am Nachmittag, bisher hätten nur 15 der 27 Mitgliedstaaten Abschottungsmassnahmen unterschiedlicher Art und Dauer ergriffen.

Das ist auch für Deutschland problematisch, weil so eine Einreise aus Grossbritannien nach Deutschland über andere EU-Länder möglich bleibt. Innerhalb des Schengen-Raums, dem die meisten EU-Staaten angehören, sind die Grenzen während der zweiten Corona-Welle weitgehend offen geblieben.

Ein Krisentreffen der EU-Staaten blieb am Montag ohne konkrete Ergebnisse. Nach der mehrstündigen Sitzung hiess es, die Teilnehmer hätten Informationen über die bislang verhängten nationalen Massnahmen ausgetauscht. Dabei sei es vor allem um den Transport etwa von Passagieren und Fracht aus Grossbritannien gegangen. Teilnehmer hätten die EU-Kommission aufgefordert, Leitlinien für ein schnelles und koordiniertes Handeln vorzulegen. Auch die Rückführung von Menschen aus Grossbritannien in die EU sei Thema gewesen.

Deutschland, das derzeit turnusgemäss den Vorsitz der EU-Staaten innehat, hatte das Krisentreffen angesetzt. Bereits am Sonntag hatten Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, Bundeskanzlerin Angela Merkel, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und EU-Ratschef Charles Michel die Lage in einem Telefonat erörtert.

Die Bundesregierung hatte den Einreisestopp am Sonntag zum Schutz der Bevölkerung in Deutschland und «zur Limitierung des Eintrages und der schnellen Verbreitung der neuen Virusvarianten» verfügt. Einzelne Fälle der Mutation sind offenbar bereits in der EU aufgetreten, etwa in Italien. Spahn erwähnte im ZDF Fälle in Dänemark, die aber nach Angaben dänischer Behörden unter Kontrolle seien.

Bundesaussenminister Heiko Maas mahnte eine gemeinsame Reaktion der Europäischen Union an. Damit solle verhindert werden, dass ein Einreisestopp über andere EU-Mitgliedstaaten umgangen wird. Der SPD-Politiker sprach von einer «substanziell veränderten Gefährdungseinschätzung» in Grossbritannien. «Wir haben letztlich noch nicht abschliessende Informationen, um das endgültig zu bewerten, aber wir müssen vorsichtig sein.»

Die in Grossbritannien entdeckte Mutation ist nach ersten Erkenntnissen britischer Wissenschaftler um bis zu 70 Prozent ansteckender als die bisher bekannte Form sein könnte. Premierminister Boris Johnson hatte betont, es gebe aber keine Hinweise darauf, dass Impfstoffe gegen die Mutation weniger effektiv seien. Die Form breitet sich vor allem in London und Südostengland rasant aus.

Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery bezweifelte die britischen Aussagen zu der neuen Corona-Variante. «Man sollt alle Angaben von Herr Johnson mit ausserordentlicher Vorsicht behandeln», sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND/Dienstag). «Wenn die Aussage dennoch stimmen sollte, bedeutet sie auch nur, dass unsere Schutzmassnahmen um 70 Prozent wichtiger werden.» Montgomery betonte, dass die Wirksamkeit der Impfungen nicht unbedingt beeinträchtigt werde. Allein das Pharmaunternehmen Biontech habe seinen Impfstoff bereits bei 19 Mutationen des Corona-Virus getestet, gewirkt habe das Mittel bei jeder dieser Varianten.

Auch in Südafrika ist eine aggressive Virus-Variante aufgetaucht. Die Flugverbindungen von dort nach Deutschland sind aber noch nicht gekappt worden. Die Bundesregierung plant allerdings eine entsprechende Verordnung. Zunächst gingen aber noch Flüge von dort nach Deutschland. Die Frage nach einer Rückholaktion wie im Frühjahr, als Zehntausende deutsche Touristen in einer beispiellosen Aktion aus Dutzenden Ländern ausgeflogen wurden, stelle sich deshalb aktuell nicht, sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amts. Die in Grossbritannien festsitzenden Deutschen müssten sich allerdings auf «erhebliche Einschränkungen» einstellen. «Wir empfehlen Betroffenen, nach Möglichkeit vor Ort zu bleiben und die Lage zu beobachten.»

Von den am Sonntag auf dem Hamburger Flughafen eingetroffenen Passagieren aus Grossbritannien wurden sieben positiv auf das Coronavirus getestet worden. Bei einem Fluggast in Hannover hat sich ebenfalls eine Infektion bestätigt. Weitere Labortests sollten nun klären, ob die Passagiere sich mit der neuen, möglicherweise besonders ansteckenden Virus-Variante infiziert haben, teilte die Region Hannover mit. Anders als in Hamburg mussten am Flughafen Hannover die 62 Passagiere aus London in einem Terminal übernachten.

Die Lufthansa fliegt weiter Passagiere nach Grossbritannien, kehrt aber ohne Reisende zurück. Die Maschinen flögen abgesehen von der Crew leer wieder nach Deutschland, sagte ein Sprecher der Airline am Montag. Gestrichen seien Verbindungen, bei denen die Besatzung in Grossbritannien übernachten müsste. Am Montag würden sieben Flüge in das Land durchgeführt.

Quelle: sda
veröffentlicht: 21. Dezember 2020 17:35
aktualisiert: 21. Dezember 2020 17:35