Klimageschichte

Neue Hinweise zum mysteriösen Verschwinden der Wikinger

23. März 2022, 19:10 Uhr
Nicht die Eiszeit, sondern Dürre hat dazu geführt, dass die Wikinger im 15. Jahrhundert ihre Siedlungen in Südgrönland aufgegeben haben. Das berichtet ein Team mit Schweizer Beteiligung im Fachblatt «Science Advances» und widerlegt damit eine weitverbreitete Theorie.
Für fast 500 Jahre lebten Wikinger in Grönland, bis sie mysteriöserweise auf einmal verschwanden: eine verlassene Wikingersiedlung in Grönland. (Archivbild)
© KEYSTONE/AP Christian Koch Madsen

Im Jahr 985 nach Christus kamen die Wikinger nach Grönland. Sie rodeten Land und bauten Gras an, um Weideflächen für ihr Vieh, ihre Hauptnahrungsquelle, zu schaffen. In der Blütezeit lebten in den Siedlungen etwa 2000 Menschen. Doch im frühen 15. Jahrhundert verschwanden die Nordmänner aus Grönland - wieso, ist ein Rätsel. Die Erklärungen reichen von einem wirtschaftlichen Zusammenbruch über Seuchen bis hin Temperaturstürzen aufgrund der Kleinen Eiszeit.

Ein Team um Boyang Zhao von der US-Universität Massachusetts Amherst berichtet nun, dass eher zunehmende Trockenheit für die Flucht aus Grönland verantwortlich war. Das zeigen Sedimente aus einem See, der an einen alten Wikinger-Bauernhof grenzt. Aus den Sedimenten liess sich die lokale Klimageschichte der letzten 2000 Jahre rekonstruieren.

Bauern trugen geschwächtes Vieh

Demnach war das späte 14. Jahrhundert sogar eine der wärmeren Perioden an diesem Standort. Die höheren Temperaturen verstärkten die anhaltende Trockenheit womöglich noch weiter.

Viehhalter und Ackerbauern bewegten sich in Südgrönland aufgrund der schwierigen Bedingungen schon immer am Limit. Beispielsweise waren viele Rinder im Frühjahr so schwach, dass sie sich kaum aus den Ställen bewegen konnten. Die Bauern mussten ihr Vieh unter diesen Umständen sogar auf die Weide tragen.

Die langanhaltende Dürre könnte schliesslich dazu beigetragen haben, dass noch weniger Gras für die Ernährung des Viehs wuchs, womöglich zu wenig. Das zwang die Wikinger, Jagd auf Meeressäugetiere zu machen - eine vergleichsweise gefährliche und unsichere Tätigkeit. In Kombination mit anderen Faktoren wie sozialen und wirtschaftlichen Instabilitäten habe die Dürrezeit demnach wohl erheblich zur Aufgabe der Siedlungen beigetragen, mutmasst das Forschungsteam.

Beteiligt an der Studie war auch Tobias Schneider, der derzeit mit einem Stipendium des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) am Lamont-Doherty Earth Observatory der Columbia University in den USA forscht. Seine Doktorarbeit absolvierte er am Oeschger-Zentrum für Klimaforschung der Universität Bern.

https://doi.org/10.1126/sciadv.abm4346

Quelle: sda
veröffentlicht: 23. März 2022 19:10
aktualisiert: 23. März 2022 19:10
Anzeige