Gottedsdienst statt Pride

Norwegen gedenkt der Opfer nach Terroranschlag in Schwulen-Bar

26. Juni 2022, 07:32 Uhr
Nach einem mutmasslich islamistisch motivierten Terroranschlag in Oslo mit mehreren Opfern will Norwegen mit einem Trauergottesdienst am Sonntag der Opfer der Gewalttat gedenken. Bereits am Samstag legten Hunderte Blumen und Briefe am Tatort nieder.

Ein Angreifer hatte in der Nacht zum Samstag in einer beliebten Schwulen-Bar und mehreren anderen Orten Schüsse abgefeuert und damit zwei Menschen getötet und mehr als 20 weitere verletzt. Der Geheimdienst PST stufte die Attacke als islamistischen Terroranschlag ein.

Player spielt im Picture-in-Picture Modus

Quelle: CH Media Video Unit / Melissa Schumacher

Kronprinz Haakon von Norwegen und Kronprinzessin Mette-Marit wollen am Sonntagvormittag an dem Gottesdienst im Osloer Dom teilnehmen, wie der Sender NRK unter Berufung auf die Kirche berichtete. Auch Ministerpräsident Jonas Gahr Støre und weitere Politiker wurden erwartet. «Dies rüttelt unsere ganze Gesellschaft auf», sagte eine Vertreterin der Kirche, Kristin Gunleiksrud Raaum, NRK zufolge. «Alle von uns, die queer sind, müssen nun von allen anderen Solidarität und Unterstützung erfahren.»

Pride-Parade abgesagt

Der Nachtclub «London Pub» – das Hauptziel der Angriffe – gilt in Oslo als beliebter Treffpunkt für Schwule, Lesben und andere Angehörige der queeren Szene. Auf der eigenen Internetseite beschreibt sich der Club als beste «Gay Bar» der Stadt und «Schwules Hauptquartier seit 1979».

Viele feierten dort ins Wochenende hinein: Am Samstag hätte in Oslo nach Absagen wegen der Corona-Pandemie erstmals wieder eine riesige Pride-Parade stattfinden sollen – sie fiel jetzt wieder aus und soll zu einem anderen Zeitpunkt nachgeholt werden.

Motiv noch unklar

Bei dem Angreifer, den die Polizei kurz nach der Tat mithilfe von Zivilisten festnahm, soll es sich um einen Norweger mit iranischen Wurzeln handeln. Am Samstagnachmittag wurde er erstmals verhört.

Er sei misstrauisch gegenüber der Polizei, sagte sein Verteidiger John Christian Elden danach dem Sender NRK. Man müsse vorsichtig mit Spekulationen sein, was das Motiv angehe. Auch der mentale Gesundheitszustand des Verdächtigen soll untersucht werden.

«Wir stehen an eurer Seite»

Eigentlich gilt Norwegen als friedliches Land. Doch der rechtsextrem motivierte Terroranschlag vor elf Jahren auf Utøya mit 77 Todesopfern hat eine tiefe Wunde in das Gefühl der Sicherheit gerissen.

Wieder einmal sei das Land von einer brutalen Attacke auf Unschuldige getroffen worden, sagte Regierungschef Støre am Samstag und versicherte der queeren Gemeinschaft: «Wir stehen an eurer Seite.» Umringt von einer grossen Menschentraube legten er und Kronprinz Haakon gemeinsam am Tatort Blumen nieder. Das Glockenspiel des Rathauses spielte «Somewhere over the Rainbow».
(sda/roa)

Quelle: Today-Zentralredaktion
veröffentlicht: 26. Juni 2022 05:55
aktualisiert: 26. Juni 2022 07:32
Anzeige