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Nahostkonflikt

Palästinenser zur Waffenruhe: «Wir feiern die ganze Nacht»

Chantal Gisler, 21. Mai 2021, 16:44 Uhr
Sayeel J. ist in Gaza geboren und aufgewachsen. Die letzten beiden Wochen haben ihm schwer zugesetzt. Er erzählt, wie sich der Krieg anfühlt und wie er sich in Sicherheit gebracht hat. «Diese Kriege müssen aufhören», sagt er.

Es waren zwei harte Wochen für Sayeel J. Der 30-Jährige ist in Gaza aufgewachsen, er lebt im Zentrum der Stadt in einem Hochhaus. Er liebt sein Land und es tut ihm im Herzen weh, zu sehen, wie es zerstört wird. «Die Israeli sagen, dass sie nur auf unsere Provokationen reagieren. Aber sie sind eindeutig zu weit gegangen.» 232 Palästinenser sind bei den Angriffen in den letzten zwei Wochen getötet worden, darunter 61 Kinder. Israel hat 12 Tote zu beklagen.

Aktuell befindet sich der ausgebildete Psychologe in einer sogenannten «Safe Zone», lebt mit sieben anderen Palästinensern in einer kleinen Wohnung einer ausländischen Botschaft. «Viele sind in internationale Schulen geflüchtet, in der Hoffnung, dass sie keine Ziele der Israeli sind.» Sein Zuhause wurde bei den Angriffen zerstört. «Ich habe in den Medien gesehen, dass das Hochhaus nicht mehr steht. Ich habe nichts mehr.»

Die Welt muss davon erfahren

Zu Beginn der Angriffe wurden alle Palästinenser aufgefordert, sich in die «Safe Zones» zu begeben. Sayeel packte seinen Rucksack. Darin befinden sich wichtige Dokumente wie Pass und Kreditkarten, aber auch ein kleines Verbandset, Zahnbürste und weitere Dinge für den Kriegsalltag. «Einige meiner Freunde haben Wein und Kondome eingepackt. Jeder geht mit dem Krieg anders um», erklärt er. Aktuell tweetet er über die Situation in Gaza. «Die Welt muss wissen, was hier passiert.»

Im Zentrum von Gaza wurden viele Ziele getroffen.
© Zur Verfügung gestellt

Er beschreibt die Situation: «Alle Läden sind geschlossen, in grossen Teilen von Gaza gibt es keinen Strom.» Ob er Angst hat? «Natürlich habe ich Angst. Es ist ein verdammter Krieg. Ich wünsche mir nur, dass es endlich aufhört.» Helfer wie das Rote Kreuz sind vor Ort und versuchen, der Bevölkerung zu helfen. Es fehle aber an allen Ecken und Enden. «Wir haben kaum Trinkwasser und Nahrungsmittel.»

«Ich war vor acht Jahren das letzte Mal im Ausland. Nicht, weil ich es mir nicht leisten könnte, aber weil sie mich nicht ausreisen lassen», erzählt Sayeel. Dass sich die Situation jetzt wieder verschlechtert hat, wertet er als ungutes Zeichen. Er betont aber: «Sie haben uns unser Land weggenommen, natürlich werden wir weiter kämpfen. Es ist eine Ungerechtigkeit.» Man spürt den Hass, den er Israel gegenüber verspürt. Er betont aber: «Gegen Juden habe ich nichts, ich bin mit einigen Juden befreundet. Der Staat Israel und die damit verbundene Situation, das macht mich wütend.»

Das Haus eines Freundes von Sayeel nachdem eine Rakete in der Nähe eingeschlagen hat.
© Zur Verfügung gestellt

Immer wieder Konflikte

Die Lage rund im Israel und Palästina ist verzwickt. Zwischen den Israelis und den Palästinensern kommt es immer wieder zu teil blutigen und gar tödlichen Auseinandersetzungen. Auch Mitte Mai flogen wieder Raketen.

Am Donnerstag dann die Erleichterung. Ägypten und die USA schaffen es, eine Waffenruhe zwischen den Palästinensern und den Israeli zu vermitteln. «Ich bin überglücklich!», sagt Sayeel. Er zählt die Stunden, bis die Waffenruhe beginnt. «Wir feiern die ganze Nacht durch.» Kurz vor Mitternacht ist es so weit. Nach und nach gehen die Leute auf die Strassen. «Einige meiner Freunde sind zu Ihren Häusern gegangen, um zu sehen, ob sie noch stehen.» Er bleibt noch in der «Safe Zone», geht hier auf die Strasse. «Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, das Haus endlich ohne Angst verlassen zu können.»

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Quelle: Pilatus Today

Beide Seiten verkaufen den Waffenstillstand als einen Sieg. Sayeels Meinung zur Waffenruhe: «Israel hat der ganzen Welt seine hässliche Fratze gezeigt. Wir haben diese Gewalt und Ungerechtigkeiten überlebt.» Wie lange die Waffenruhe anhält, ist unklar. «Ich hoffe, dass es nie wieder Krieg gibt.»

Chantal Gisler
Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 21. Mai 2021 18:30
aktualisiert: 21. Mai 2021 16:44