Tag des Sieges

Putins grosses Hurra blieb aus – Pläne sind offen

9. Mai 2022, 18:49 Uhr
Keine Generalmobilmachung, keine Siegesverkündung. Die Rede von Wladimir Putin verwunderte Viele und auch der Jubel auf dem Roten Platz wirkte weniger euphorisch. Das Zeichen: Die Lage ist für Russland katastrophal.
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Quelle: CH Media Video Unit / Melissa Schumacher

Ungewöhnlich leise, fast kleinlaut spult Putin in seiner Rede bei der Moskauer Militärparade zum Jahrestag des Sieges über den Nationalsozialismus ab, was er oft gesagt hat: Schuld an dem Konflikt sei der Westen, allen voran die Nato. Russland habe sich dialogbereit gezeigt, habe Sicherheitsgarantien vorgeschlagen. Es sei deshalb die «notwendige, rechtzeitige und einzig richtige Entscheidung» gewesen, in das Nachbarland einzumarschieren. Er sagte, das westliche Militärbündnis habe über die Jahre eine «absolut nicht hinnehmbare Bedrohung» geschaffen, gegen die sich Russland nun präventiv wehre.

Raketenshow und Schuldzuweisungen

Anders als im Westen teils befürchtet, verkündete Putin keine Teil- oder Generalmobilmachung oder anderweitige Ausweitung der von ihm so bezeichneten «militärischen Spezial-Operation». Er beschränkte sich weitgehend auf eine teils historisierende Begründung des Ende Februar begonnenen Angriffskriegs und sagte: «Der Block der Nato hat eine aktive militärische Erschliessung der an unser Gebiet angrenzenden Territorien begonnen.»

Die USA hätten die von ihm so bezeichneten «Neonazis» in Kiew aufgerüstet. Ein Angriff der Ukrainer auf die prorussischen Separatistengebiete in den Regionen Luhansk und Donezk und auf die 2014 von Russland annektierte Schwarzmeer-Halbinsel Krim habe unmittelbar bevorgestanden. Die Ukraine hatte allerdings stets zurückgewiesen, sich die abtrünnigen Gebiete mit Gewalt zurückholen zu wollen.

Der russische Präsident möchte die angeschlagene Kampfmoral der eigenen Truppen erhöhen, indem er ihnen Kriegsgründe gibt – die Verteidigung Russlands und den Kampf gegen Neonazis. Der Verzicht auf das Drohen mit einem Atomkrieg zeigt: Putin steht massiv unter Druck, er ist geschwächt.

Kiew: Selenskyi prophezeit zweiten Feiertag

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj setzte an dem Feiertag seinerseits den Abwehrkampf seines Landes in Beziehung zum Kampf gegen Hitler-Deutschland. Die russische Armee führte ihre Angriffe in der Ukraine mit unveränderter Intensität fort. In Kiew sagte er in einer Videobotschaft zum Feiertag, die Ukraine lasse es nicht zu, dass der Sieg der Sowjetvölker im Zweiten Weltkrieg von jemandem vereinnahmt werde. «Millionen von Ukrainern haben gegen den Nationalsozialismus gekämpft und einen schweren und langen Weg beschritten.»

Mehr als acht Millionen seien umgekommen. So wie damals die Rote Armee Donezk, Luhansk, Mariupol, Cherson und die Halbinsel Krim von den Nazis befreit habe, würden auch die heutigen Besatzer vertrieben werden. Moskau werde so enden wie das Hitler-Regime, das vom Kreml kopiert werde. «Und schon bald werden wir in der Ukraine zwei Tage des Sieges haben», sagte das Staatsoberhaupt.

Am 8. Mai 1945 war der Zweite Weltkrieg in Europa mit der Kapitulation der deutschen Wehrmacht zu Ende gegangen. Russland begeht am 9. Mai mit dem Tag des Sieges traditionell seinen wichtigsten Feiertag.

An der Front: Mehr als 200 russische Angriffe

Kurz nach Putins Rede berichtete Russlands Verteidigungsministerium über mehr als 200 Angriffe auf die Ukraine in den Stunden zuvor. Mit Raketen und Artillerie seien unter anderem Kommandoposten, Lager mit militärischer Ausrüstung und die Schwarzmeer-Region Odessa beschossen worden, sagte ein Sprecher. Insgesamt seien 350 ukrainische Soldaten getötet worden. Die Angaben liessen sich nicht unabhängig überprüfen.

(hap/sda)

Quelle: Today-Zentralredaktion
veröffentlicht: 9. Mai 2022 18:47
aktualisiert: 9. Mai 2022 18:49
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