Anzeige
US-Wahlen

So feiern Amerikaner den Wahlsieg von Biden und Harris

9. November 2020, 06:29 Uhr
Player spielt im Picture-in-Picture Modus

Quelle: CH Media Video Unit

Seit dem Wahlsieg von US-Präsident Trump wird in New York gegen ihn demonstriert. Von «vier dunklen Jahren» sprechen viele. Zuletzt machte die Pandemie der Stadt schwer zu schaffen. Jetzt ist Biden gewählt - und die Freude in Trumps Heimatstadt kennt keine Grenzen.

Nur rund um den Trump Tower ist es ruhig. Die Polizei hat die Gegend um den früheren Wohnsitz des amtierenden Präsidenten, der sich inzwischen nach Florida umgemeldet hat und die Tage der Stimmauszählungen in Washington verbringt, weiträumig abgesperrt. Seit dem Wahlsieg Trumps 2016 hatte es hier immer wieder Proteste gegeben, «New York hasst dich» hatten Demonstranten oft gebrüllt. Zur «Frozen Zone» sei die Gegend nun vorübergehend erklärt worden, sagt ein Polizist. Niemand wird hineingelassen. Rundherum um diese «eingefrorene Zone» feiert ausgerechnet Trumps Geburtsstadt seine Wahlniederlage ganz besonders frenetisch.

New York war in Volksfeststimmung

Nachdem der Nachrichtensender CNN den demokratischen Herausforderer Joe Biden am Samstag zum Sieger der US-Präsidentschaftswahl erklärt hatte, brach nach nur wenigen Sekunden Jubel aus. Auf den Straßen und aus den Fenstern ihrer Wohnungen heraus klatschten, schrien und jubelten die Menschen. Radfahrer klingelten, Autofahrer hupten. Wenig später zieht es tausende Menschen auf die Straßen der Metropole, mit Plakaten, US-Flaggen, Sektflaschen, Blumen und Musikinstrumenten, für eine Party, die über viele, viele Stunden lang gar nicht mehr aufhören will und ganz New York in Volksfeststimmung versetzt.

«Das waren vier dunkle Jahre für uns Amerikaner und deswegen sind wir jetzt hier, um diesen Sieg zu feiern, den wir gemeinsam errungen haben», sagt TJ Newton, der gemeinsam mit ein paar Freunden unterwegs ist. «Heute, das bedeutet Freiheit für alle Amerikaner. Und Kamala Harris als erste schwarze Frau als Vizepräsidentin zu haben ist ein riesiger Schritt, der vielen Menschen in diesem Land sehr viel bedeutet.»

«Die Party für Biden hier ist der Wahnsinn»

An einer Straßenkreuzung auf der Upper West Side in Manhattan trötet eine junge Frau mit einer Vuvuzela und schwenkt eine amerikanische Flagge. Die vorbeikommenden Autos, Taxis und Lastwagen hupen, viele Fahrer strecken eine Hand zum Fenster raus, winken oder formen mit den Fingern das Friedenszeichen. Babys klatschen in ihren Kinderwagen, Hunde tragen Buttons mit der Aufschrift «Biden/Harris». Menschen haben Aufkleber, auf denen «Trump/Pence raus» steht. «Die Party für Biden hier ist der Wahnsinn», schreit ein Mann in sein Handy. Eine Gruppe Frauen holt sich von einem Kiosk eine Flasche Sekt und Plastikgläser und stößt jubelnd an. «Nie mehr Trump», brüllt ein Mann, der auf einem Fahrrad vorbeifährt.

Freude und Erleichterung brechen alle Dämme

Rund fünf Tage hatte das Ergebnis der US-Wahl auf sich warten lassen, wurden zur wachsenden Ungeduld vieler Menschen Stimmen gezählt und noch mehr Stimmen gezählt - aber dann kam die Verkündung des Siegs von Biden und seiner Vizepräsidentin Kamala Harris für New York zum genau richtigen Zeitpunkt: Samstagmittag, strahlender Sonnenschein und Temperaturen von mehr als 25 Grad. In der pandemiegeplagten Millionenmetropole an der US-Ostküste, die als überwiegend liberal und demokratisch geprägt gilt und wo Biden ersten Auszählungen zufolge den überwiegenden Teil der Stimmen geholt hat, gibt es kein Halten mehr. Freude und Erleichterung brechen alle Dämme.

«Ich musste einfach raus und feiern», jubelt eine Frau - und die Menschen beim Mittagessen unter freiem Himmel in einem Restaurant jubeln zurück. Ein Mann mit «Biden/Harris»-T-Shirt trägt einen Dudelsack, ein kleiner Junge spielt Trompete und bekommt begeisterten Applaus. «Die Wählerstimmen bestimmen den Sieger», steht auf den Plakaten vieler Menschen. An großen Straßenkreuzungen wird jedes vorbeifahrende Auto bejubelt. Als ein Postlieferwagen an einer Ampel hält, laufen spontan mehrere Menschen auf den Fahrer zu und drücken ihm Blumen in die Hand. «USPS», skandiert die Menge - die Abkürzung für die amerikanische Postbehörde. «Ihr habt mit den Briefwahlzetteln den Sieg geliefert», ruft ein Mann.

«Nananana, nananana, hey hey, goodbye!»

Midtown Manhattan wird unterdessen immer voller und voller. Auf vielen großen Straßen und Plätzen gibt es für Autos schon kein Durchkommen mehr. Grüppchen von Menschen, fast alle mit Maske, tanzen und singen auf den Straßen: «Nananana, nananana, hey hey, goodbye!», «Celebration», «Hit the Road, Trump» oder «We are the Champions». Auf dem Schild einer Frau steht schlicht: «Hallelujah!» Manche Feiernde mahnen aber auch, noch sei inhaltlich nichts erreicht. «Der Kampf ist noch lange nicht vorbei», steht auf einem Schild und eine kleine Schar Demonstranten singt: «Trump ist weg, aber wir müssen weiterkämpfen.»

Viele Menschen strömen zum Times Square, wo vor wenigen Tagen noch zwischen Polizeiabsperrungen, verbarrikadierten Schaufenstern und Schreiduellen mit Trump-Anhängern die ersten Wahlergebnisse verfolgt wurden. Trump-Anhänger lassen sich so gut wie gar nicht blicken, die Schaufenster werden nach und nach wieder freigelegt und die Party bleibt zunächst weitestgehend friedlich.

«Wir haben viel Arbeit vor uns, aber wir können es schaffen»

«Das hier bedeutet mir mehr für meine Kinder als für mich», sagt die New Yorkerin Justine Gabry, die mit ihrem Mann und den beiden Kindern auf dem Times Square steht und die Feierlichkeiten verfolgt - wegen der Coronavirus-Pandemie mit Abstand. «Es ist wunderbar, dieses Gefühl, dass alle zusammenkommen, besonders als jemand, der mit einem weißen Mann verheiratet und selbst nicht weiß ist. Ich hatte mir Sorgen gemacht, was passieren könnte, wenn Trump wiedergewählt werden würde, was dann mit uns wäre.» Gabry hat eine Fahne dabei, auf der «Believe in Biden» steht, «glaub an Biden». «Ich musste einfach hier raus kommen und meinen Kindern zeigen, dass das hier Amerika ist. Das hier ist, was wir sein müssen. Wir haben viel Arbeit vor uns, aber wir können es schaffen.»

Quelle: dpa
veröffentlicht: 8. November 2020 09:11
aktualisiert: 9. November 2020 06:29