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Afghanistan

Terror in Afghanistan: Zehntausende Familien vertrieben

12. Februar 2021, 06:54 Uhr
In Afghanistan sind im vergangenen Jahr zehntausende Familien innerhalb des Landes vor Kämpfen und Gefechten aus ihren Dörfern und Städten geflohen. Das geht aus Daten der UN-Agentur zur Koordinierung humanitärer Hilfe (OCHA) hervor.
Blick auf ein Flüchtlingslager in Kabul. Foto: Arne Bänsch/dpa
© Keystone/dpa/Arne Immanuel Bänsch

Zwar fliehen die meisten Familien zunächst in die nächsten Ballungszentren, doch Zehntausende suchen auch Schutz in der Hauptstadt Kabul.

Während viele Landesbewohner im Norden oder Süden des Landes vor Kämpfen zwischen den militant-islamistischen Taliban und der Regierung fliehen, lauert im Osten eine weitere Bedrohung: Die Terrormiliz Islamischer Staat, die dort in der Grenzregion zu Pakistan eine «Provinz» namens IS-Chorasan errichten will.

Auch Nasir und seine Familie flohen eines Nacht aus ihrer Heimat in der östlichen Provinz Nangarhar. «Der IS hat unsere Häuser in Brand gesteckt, weil wir uns weigerten, mit ihnen zu kooperieren», erzählt der 35-Jährige. In einem Flüchtlingscamp in Kabul lebt die Familie heute mit sieben Personen auf etwa zehn Quadratmetern. Ein Teppich und ein paar Decken liegen auf dem Boden, ein Gasherd für die kalten Wintermonate fehlt. Hilfe von der Regierung bekommen sie keine.

Der IS sei brutal, klagt die 26 Jahre alte Mutter der Familie, Suhra. «Mein ältester Sohn wurde vom IS getötet. Die ganze Zeit über kam niemand, um uns zu helfen», sagt sie unter Tränen. Vier Jahre sei es nun her, dass ihr 13-jähriger Sohn enthauptet wurde. Sein Tod sei auch ein Grund gewesen, die Provinz zu verlassen. «Mein Herz war dort nicht glücklich», erklärt der Vater. «Manchmal sitze ich alleine und denke, dass der Tod besser ist als dieses Leben.»

Suhra und Nasir trafen wie zahlreiche andere Familien in Afghanistan die schwierige Entscheidung, alles aufzugeben, um ihr Leben und das ihrer Kinder zu retten. Fast zwei Drittel der Kriegsvertriebenen im Land sind nach UN-Angaben Kinder. 380 000 Landesbewohner waren demnach 2020 vor Kämpfen auf der Flucht. Fast alle der insgesamt 34 Provinzen sind von Gefechten betroffen. Die meisten Vertriebenen stammen jedoch aus dem schwer umkämpften Norden rund um die Provinz Kundus und aus der Südprovinz Helmand.

Durch den Konflikt, die Corona-Pandemie und Umweltkatastrophen sind nach jüngsten Schätzungen der UN mehr als 18 Millionen Menschen in Afghanistan auf Unterstützung angewiesen. Das ist fast die Hälfte der gesamten Landesbevölkerung. Für viele Familien bedeutet die Armut eine Abwärtsspirale, aus der sie mit eigener Kraft selten entkommen. Hilfsorganisation unterstützen die Vertriebenen daher auch mit Bildungsprogrammen. «Binnenvertriebene sind meist auf einfache Tagesjobs angewiesen und finden keine oder kaum besser bezahlte Arbeit», erklärt Farschid Farsan von der Welthungerhilfe in Kabul.

Auch Nasir hatte einst bessere Arbeit als Frisör, bevor er mit seiner Familie nach Kabul zog. Heute verdient der Vater von vier Kindern als Tagelöhner etwa 150 Afghani (knapp 2 Euro) am Tag. Auch Salma, die 12 Jahre alte Tochter, unterstützt die Familie wie alle anderen Kinder bei der täglichen Arbeit. Ihr grösster Wunsch: eines Tages wieder zur Schule gehen zu können. «Wir wollen ein Haus, das ein Bett zum Schlafen hat, eine Decke und eine Matratze».

Quelle: sda
veröffentlicht: 12. Februar 2021 06:18
aktualisiert: 12. Februar 2021 06:54