Floss auf hoher See

Die Piraten des Vierwaldstättersees

Chantal Herger, 6. August 2020, 11:17 Uhr
Jeden Sommer stechen Piraten in See. Auch in den Gewässern des Vierwaldstättersees treibt eine Gruppe Seeräuber auf ihrem Piratenschiff – oder auch Floss genannt – von Ort zu Ort.

55 leere Fässer mit einem Fassungsvermögen von je 200 Litern, viel Holz, mindestens sechs Paddel, ein Gewicht von insgesamt 6,8 Tonnen und ein Steuerrad, das nur Dekoration ist: Das ist das zweistöckige Piratenfloss «Black Pearl» des Vereins Flosslager Vierwaldstättersee.

Die Nidwaldner Piraten setzen sich zusammen aus ehemaligen Pfädeler und Leuten, die gerne mal Piraten spielen möchten. Die wichtigste Funktion hat zweifelsohne der Kapitän. Er plant, wann abgelegt wird und achtet darauf, dass man den Kursschiffen nicht in die Quere kommt. Ausserdem: «Ich muss schauen, dass genügend Essen und Trinken an Bord ist, damit nicht gemeutert wird,» sagt Kapitän Manuel Niederberger. Damit der Betrieb auf dem Floss funktioniert, packen alle mit an, arbeiten in der Küche, beim Abwasch und beim Paddeln. «Wir sind eine Gemeinschaft, die einander hilft», sagt Kilian Christen, ein gewöhnlicher Pirat.

Alle müssen paddeln

Klar ist: Das Floss «Black Pearl» setzt sich nur mit Mannen- und Frauenkraft in Bewegung. Und dies eher in einem gemächlichen Tempo: rund 1,5 km/h. Dafür müssen jeweils drei Leute auf jeder Seite paddeln. Damit sich die Piraten genügend Ruhepausen gönnen können, braucht es jeweils zwölf Piraten an Bord. Denn normalerweise wird pro Tag etwa 4-6 Stunden gepaddelt. Wer nicht paddelt, vertreibt sich die Zeit mit einem «Schwumm» im See oder Gesellschaftsspielen. Ein bisschen Spass muss sein, dafür sorgt die gelbe Rutsche auf der zweiten Etage.

Angefangen hat die Geschichte der Piraten des Vierwaldstättersees im Pfadi-Bundeslager 1994 – ein paar Leiter (Rover) der Pfadi Stans kamen auf die Idee, einige Wochen im Sommer auf See zu verbringen. So wurde gezeichnet, geplant und gebaut. Inzwischen stechen die Piraten des Vierwaldstättersees fast jeden Sommer in die See.

Auch auf fremde Hilfe angewiesen

Das Piratenfloss ist kaum manövrierbar. Einzig mit den beiden vorderen Paddel kann das zweistöckige Floss gesteuert werden. «Wir sind Wind und Wetter ausgeliefert», sagt Kapitän Niederberger. Und manchmal sind die Piraten dabei auf fremde Hilfe angewiesen. So werden sie jeweils von der Luzerner Seepolizei über das Luzerner Seebecken gezogen, weil bei ihrer geringen Geschwindigkeit eine Konfrontation mit einem Kursschiff vorprogrammiert wäre. Dazu kommt, dass sie als unmanövrierbares Gefährt höchstens 150 Meter von Ufernähe weg sein dürfen. Wenn sie aufgrund des Windes vom Ufer abdriften, haben auch schon private Schiffskapitäne, den Piraten ausgeholfen und sie wieder zurückgezogen.

Die Route ist seit Jahren die Gleiche und wird trotzdem nie langweilig. Die Piraten stechen jeweils in Stansstad in See. Dann führt die Route über mehrere Stationen nach Horw - Luzern - Meggen - Küssnacht - Röhrli - Hertenstein - Vitznau - Nase - Ennetbürgen - Obermatt wieder zurück nach Stansstad.

Das Floss wird jeden Sommer innerhalb von zwei Tagen aufgebaut. Die Bausteine sind jeweils dieselben, manchmal wird da und dort etwas optimiert, wie Kilian Christen erzählt. Nach der Piratensaison wird das Floss wieder in seine Einzelteile zerlegt. Und die Nidwaldner Piraten warten sehnsüchtig auf den nächsten Sommer.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 29. Juli 2020 07:56
aktualisiert: 6. August 2020 11:17