Zentralschweiz

Laut, deutlich und selbstbewusst: «Wir dürfen uns zur Wehr setzen»

Selbstverteidigung

Laut, deutlich und selbstbewusst: «Wir dürfen uns zur Wehr setzen»

· Online seit 28.01.2023, 15:23 Uhr
Bei rund der Hälfte aller untersuchten Gewaltdelikten im öffentlichen Raum ist Alkohol im Spiel – dazu gehören auch sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen. In der Zeit der Fasnachtspartys ist es deswegen umso wichtiger, sich verteidigen zu können.
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Der Bass dröhnt in den Ohren. Die Gesichter versteckt hinter Masken und Farben. Die Füsse kleben auf dem alkoholgetränkten Boden. Ein Luftzug weht kalten Zigarettenrauch über die Tanzfläche. Die Atmosphäre der Fasnachtspartys.

Die sind mit der Vorfasnacht schon längst gestartet. Alkohol fliesst reichlich, die Stimmung ist ausgelassen. Aber das Nachtleben hat auch eine Schattenseite, denn in diesem Kontext kommt es häufiger zu Gewalthandlungen, schreibt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) auf ihrer Website. Ob Alkohol einen Einfluss auf Gewalttaten hat, ist laut BAG zwar bestritten, jedoch ist bei rund der Hälfte aller Gewaltdelikte im öffentlichen Raum Alkohol im Spiel. Bei Sexualdelikten ist dies bei 26 Prozent der Fall.

«Wenn Alkohol im Spiel ist, ist die Hemmschwelle häufig tiefer», erklärt Christian Bertschi, Chef Kommunikation und Prävention der Luzerner Polizei. Zwar gibt es das ganze Jahr über ungefähr gleich viele Fälle von Gewalt im Ausgang, jedoch sei das Thema im Sommer präsenter in den Köpfen. Denn im Sommer kommt es vermehrt draussen im öffentlichen Raum zu sexuellen Übergriffen, im Winter geschieht das eher in einem Club.

Bevor es zur Gewalttat kommt

Und obwohl die meisten Täter aus dem bekannten Umfeld des Opfers stammen, kann es auch an Partys oder auf dem Nachhauseweg zu Gewalt und sexuellen Handlungen kommen. Sich wehren zu können, ist also wichtig. «Wie eine Tatperson reagiert, können wir nicht beeinflussen, aber wir können lernen, wie wir uns selber schützen können», erklärt Clarissa Walther, Vorstandsmitglied von Pallas. Der Verein hat es sich seit bald 30 Jahren zum Ziel gesetzt, Frauen und Mädchen Selbstverteidigung zu lehren. Das Thema sei aber auch für Männer und Jungs wichtig, betont sie.

Selbstverteidigung fängt längst vor dem ersten Schlag an, sagt Walther. «Mir selbst bewusst zu machen, wo meine Grenze ist, ist der erste Schritt», erklärt sie. Die Tatperson suche sich ihr Opfer aus. Deswegen ist es durchaus möglich, sich bereits durch gewisse Verhaltensweisen zu schützen. Dazu gehört eine klare Körperhaltung, Blickkontakt halten und laut und deutlich Nein zu sagen. Aber: «Wie ich mich verhalte und wie ich mich anziehe, entschuldigt keine Tat.»

Wichtig sei es, dem gegenüber zu vermitteln: «Ich sehe dich und ich sehe, was du machst.» Hilfe bei anderen zu holen, aufeinander achten und nicht auf Provokationen eingehen, sind weitere Tipps. Bertschi von der Luzerner Polizei warnt wegen K.O.-Tropfen auch davor, seine Getränke unbeaufsichtigt stehen zu lassen. «Beim Nachhauseweg ist darauf zu achten, helle und belebte Strassen zu bevorzugen», so Bertschi. Dabei können Geschäfte, Tankstellen und Restaurants im Notfall zu Rettungsinseln werden.

Gewalttaten sind nicht immer vermeidbar

Trotz Prävention sind Gewalttaten aber nicht immer vermeidbar. «Körperlich zu werden, sollte die letzte Lösung sein», sagt Walther. Nach dem Notwehrrecht darf man sich im gleichen Ausmass verteidigen, wie der Angriff ist. Das heisst, ein Befreiungsangriff ist gerechtfertigt, solange er verhältnismässig ist. «Wir dürfen uns zur Wehr setzen», sagt Walther.

Folgenden Grundsatz sollte man dabei nicht vergessen: «Das Ziel ist die eigene Sicherheit und nicht jemand anderen zu verletzen», sagt Walther.

Nicht stumm bleiben

Trotz Kenntnissen der Selbstverteidigung kann es zu Gewalt, Übergriffen oder gar Vergewaltigungen kommen. Christian Bertschi sagt: «Wir empfehlen, jede Tat anzuzeigen.» Die Aufklärung des Falls sei alles andere als chancenlos. Tatsächlich ist die Aufklärungsquote der Luzerner Polizei hoch. So konnten 2021 beispielsweise fast 90 Prozent aller angezeigten Vergewaltigungsdelikte aufgeklärt werden. Mit dem neuen DNA-Gesetz (siehe Box unten) könnte die Tätersuche in Zukunft noch vereinfacht werden.

Wer eine Anzeige erstatten möchte, kann dies auf jedem Polizeiposten tun.

veröffentlicht: 28. Januar 2023 15:23
aktualisiert: 28. Januar 2023 15:23
Quelle: PilatusToday

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