Nach Fauxpas in Schattdorf

Lehrer: «Interesse an Holocaust und Weltkrieg nimmt ab»

Sven Brun, 12. August 2022, 13:40 Uhr
Der «Arbeit macht frei» Spruch auf der Webseite der Gemeinde Schattdorf schlug hohe Wellen. Begründet wurde der Lapsus mit fehlender politischer Bildung. Dies, obwohl der Holocaust und der 2. Weltkrieg in jeder Schweizer Schule breit thematisiert wird.
Ein Bild mit diesem Spruch war auf der gemeindeeigenen Webseite von Schattdorf ersichtlich.
© Getty Images / Andrés Lg

Am vergangenen Dienstagmorgen informierte die Gemeinde Schattdorf auf ihrer Webseite über die Geschäftszeiten. So weit, so gut. Das Problem: Der Post wurde gemeinsam mit einem Bild von einem Konzentrationslager-Eingangstor publiziert. Mit dem Spruch «Arbeit macht frei» versuchte eine junge Mitarbeiterin lustig und leicht auf die Öffnungszeiten an Mariä Himmelfahrt hinzuweisen. Erreicht hat sie damit eine angeregte Debatte über die politische Bildung in der Bevölkerung.

«Weltkriege, Faschismus und Holocaust sind verbindliche Inhalte», sagt David Zurfluh über den Lehrplan im Kanton Uri. Er ist Vorsteher des Amtes für Volksschulen. Alle Schülerinnen und Schüler, ganz gleich ob auf Niveau Sekundarstufe oder Gymnasium, hätten das Thema also in der Schule behandelt. 2021 habe der Regierungsrat des Kantons Uri zudem beschlossen, die politische Bildung in den Schulen weiter zu stärken.

Es sei wichtig, die Thematik und die Zusammenhänge zu verstehen, so Zurfluh. Die Frage ist nun: Reicht das Erlernte aus, um den Spruch «Arbeit macht frei» zu kennen und einordnen zu können? Es sei durchaus möglich, dass einige Schülerinnen und Schüler den Schriftzug nicht kennen würden. «Auch wenn diesen Personen die Tragik der nationalsozialistischen Konzentrationslager sehr bewusst ist», führt Zurfluh aus.

So machte Schattdorf auf die Öffnungszeiten an Mariä Himmelfahrt aufmerksam.

© Screenshot Gemeinde Schattdorf

David Lienert ist Geschichtslehrer an der Kantonsschule Sursee. Das obige Bild hat er bisher nicht explizit im Unterricht besprochen. «Ich nehme die aktuellen Berichterstattungen aber zum Anlass und diskutiere es ab dem nächsten Schuljahr.» Dennoch: «Ich erwarte von meinen Schülerinnen und Schüler auch so, dass sie nach dem 2. Weltkrieg-Modul diesen Spruch einordnen können.»

Für ihn sei der Holocaust eines der wichtigsten Themen in seinem Fach. «Eines der einschneidendsten Ereignisse der Menschheitsgeschichte», betont Lienert. Er sieht es als seine Aufgabe an, für solche Themen zu sensibilisieren. Auch in Bezug auf den aktuellen Krieg in der Ukraine. «Als Geschichtslehrer möchte ich ‹Vergessen verhindern›, damit Menschen nicht wieder dieselben Fehler begehen.»

David Lienert ist mit Leib und Seele Geschichtslehrer an der Kantonsschule Sursee.

© zvg

Brücken zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu schlagen, sei aber nicht immer ganz einfach. Umso weiter ein Ereignis zurückläge, desto mehr andere Geschichte habe die Welt erlebt. «Das Interesse am Holocaust und 2. Weltkrieg nimmt ab», stellt Lienert im Unterricht fest. Seine Aufgabe sei es nun, mit modernen Mitteln die Schülerinnen und Schüler für dieses «noch immer sehr wichtige Thema» zu motivieren.

Deshalb versuche er, sein Fach mit möglichst realen Bildern nahe an die Schülerinnen und Schüler zu bringen. «Beispielsweise schaue ich im nächsten Schuljahr die Netflix-Serie ‹Hitlers Kreis des Bösen› im Unterricht an.» Auch verzichte er immer mehr darauf, detailliert Frontverläufe zu besprechen. «Geschichten von Menschen erzeugen meines Erachtens mehr Betroffenheit und Wirkung», erklärt David Lienert. Damit soll auch in Zukunft nicht vergessen gehen, zu was die Menschheit fähig war und ist.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 12. August 2022 11:53
aktualisiert: 12. August 2022 13:40
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