Hausbesetzung im Bruch-Quartier

Aktivistinnen: «Wir wissen, dass wir widerrechtlich handeln»

23. Juni 2022, 22:26 Uhr
Seit dem vergangenen Dienstagmorgen besetzen mehrere Aktivistinnen und Aktivisten ein seit 2,5 Jahren leerstehendes Haus im Luzerner Bruchquartier. Im Interview erklären sie ihre Beweggründe.
Seit Dienstagmorgen wird dieses Haus im Bruch-Quartier besetzt.
© Chantal Herger /PilatusToday

Bei einer Hausbesetzung gebe es viel zu tun, meinen die Aktivistinnen. Sie wollen während des telefonischen Gesprächs anonym bleiben. Zu hören ist nur eine Stimme, welche erzählt: «Es gibt viel zu organisieren, um diese Missstände der Öffentlichkeit publik zu machen.» Ob es die erste Aktion solcher Art für die Aktivisten ist, wollen sie nicht sagen.

Das besetzte Haus an der Bruchstrasse 64 gehört der Corgi Real Estate AG, deren Verwaltungspräsident Sika-Erbe Fritz Burkard ist. Die Vormieter mussten mit dem Vorwand einer angekündeten Totalsanierung aus dem Haus ausziehen. «Diese wurde jedoch nie durchgeführt. Stattdessen wurde die Liegenschaft mehrfach weiterverkauft, um mit Spekulation Geld zu verdienen», meinen die Aktivistinnen und fügen hinzu: «Dies wurde nie öffentlich diskutiert. Wir wollen nun nicht nur für die Vormieterinnen, sondern für alle vulnerablen Personen kämpfen und auf den knappen Wohnraum aufmerksam machen.»

Unter anderem mit diesem Plakat machen die Aktivistinnen auf die, von ihnen erklärten, Missstände aufmerksam.

© Chantal Herger /PilatusToday

Viele Menschen würden sich in der Schweiz nicht aus eigener Kraft gegen den «mächtigen Staatsapparat, welcher in erster Linie Besitzende schützt», wehren können. Dafür fehlen bei vielen schlicht und einfach die nötigen Mittel. «Diese Aktion kann definitiv auch als Kritik an unserem kapitalistischen System verstanden werden», erläutern sie.

Bisher noch keine Reaktion des Hauseigentümers

Die Eigentumsgarantie ist eine wichtige Norm im schweizerischen Recht. Die Aktivisten sagen dazu: «Wir wissen, dass unsere Handlungen widerrechtlich sind.» Dennoch erachten sie die Aktion legitimer als «mit Spekulation, Gewinne zu erzielen.» Bestraft wurden sie dafür bisher noch nicht: «Soweit wir wissen, ist noch keine Anzeige gegen uns eingegangen.»

Die Aktivistinnen hoffen, dass es auch dabei bleibt. «Wir haben die Verwaltung kontaktiert und suchen nach einer beidseitig verträglichen Lösung», erklären sie. Die Bruch-Besetzerinnen können sich folglich auch gut vorstellen, längerfristig in diesem Haus zu bleiben. Eine Antwort oder Reaktion vom Eigentümer haben sie Stand heute jedoch noch nicht erhalten.

Eine weitere Stellungnahme der Aktivistinnen.

© Chantal Herger /PilatusToday

Mit welchen finanziellen Mitteln die Aktivisten sich während der Besetzung über Wasser halten wollen, scheint noch unklar. «Momentan können wir die Ausgaben mit eigenem Geld decken», erklären sie. Auf die Frage, ob sie auf laufende Einnahmen beispielsweise in Form eines Lohnes, zurückgreifen können, verweigern sie eine Antwort. Die Hausbesetzerinnen wünschen sich, dass «Geld nie unsere Handlungen leiten wird.»

Das Haus sei in einem wohnenswertem Zustand

Das Leben in einer verlassenen Wohnung bezeichnen die Aktivistinnen und Aktivisten als «nicht alltäglich». Sie geniessen es, an einer zentralen Lage in der Stadt zu leben und folglich mit vielen Personen in Kontakt zu kommen. Dies jedoch immer verhüllt und Gespräche führen sie nur aus dem offenen Fenster.

Das Haus sei keineswegs in einem solch desolaten Zustand, wie es der Vermieter gesagt haben soll: «Die Wohnräume sind für uns in einem total wohnenswerten Zustand.» Ausserdem sollen solche verschiedenen Standards in Relationen betrachtet werden. «Was eine reiche Person als desolat erachtet, ist für die breite Gesellschaft höchstwahrscheinlich irrelevant», sagt die Stimme am Telefon.

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Quelle: PilatusToday / Anita von Rotz

Gestern Abend haben die Aktivistinnen zum Apero eingeladen und konnten sich so mit den Vormietern und der Nachbarschaft austauschen. «Wir erhalten viele positive Rückmeldungen und unterstützende Worte», freuen sie sich. Die Aktivisten seien jedoch auch offen gegenüber kritischen Stimmen. Dies sei auch das Ziel der Aktion: «Wir wollen einen öffentlichen Diskurs entfachten, welcher schlussendlich auch auf politischer Ebene eine Plattform findet», sagen sie zum Schluss.

(bsv)

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 24. Juni 2022 05:41
aktualisiert: 24. Juni 2022 05:41
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