Zentralschweiz
Luzern

Antisemitismus ist auch in der Zentralschweiz auf dem Vormarsch

Israel-Gaza-Konflikt

Antisemitismus ist auch in der Zentralschweiz auf dem Vormarsch

06.11.2023, 10:53 Uhr
· Online seit 06.11.2023, 05:30 Uhr
Meldungen von judenfeindlichen Vorfällen häufen sich – auch die Zentralschweiz ist davon betroffen. Die Jüdische Gemeinde Luzern erzählt von den letzten Wochen. Dabei werden Erinnerungen an den Holocaust wach. Extremismusexperte Dirk Baier spricht von einem rhetorischen Aufrüsten.
Anzeige

«Ja, die Vorfälle nehmen zu», so die eindeutige Feststellung von Meir Shitrit, Präsident der Jüdischen Gemeinde Luzern (JGL). Shitrit spricht von Antisemitismus – Judenhass. Der Kriegsbeginn am 7. Oktober geht nicht spurlos an den Juden vorbei – auch nicht in der Zentralschweiz.

Schweizweit eine steigende Tendenz zu erkennen

In der ganzen Schweiz nehmen antisemitische Vorfälle zu. Das «SRF» sprach am vergangenen Mittwoch von 41 Vorfällen seit dem Beginn des Krieges. Im Jahr 2022 gab es insgesamt 57 Vorfälle. «Das ist eine schlimme Sache», erzählt Meir Shitrit gegenüber PilatusToday und Tele 1. Er würde vor allem Drohbriefe bekommen. An die Synagoge würden immer wieder Hassbriefe gesendet – mehr als vor dem 7. Oktober.

Sorge vor dem weiteren Verlauf

Shitrit ist sich aber bewusst, dass die Lage in der Schweiz noch nicht so dramatisch ist wie in Deutschland oder Frankreich. Dennoch bereitet es ihm grosse Sorgen. Seine Befürchtungen reichen ins Unermessliche: «Es kommt immer schlimmer. Die Leute vergessen, was vor 80 Jahren passiert ist. Wenn es so weiter geht, wird sich der Holocaust wiederholen. Damals hat es auch so begonnen.»

Für den Experten ist die Lage beunruhigend

Dirk Baier, Extremismusexperte an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), findet diesen Ansatz nicht ganz falsch. «Es ist natürlich rhetorisches Aufrüsten. Das kann gut sein, aber auch über das Ziel hinausschiessen», sagt Baier auf Anfrage von PilatusToday. Jahrzehnte nach dem industrialisierten und geplanten Massenmord, rufe das bei Jüdinnen und Juden unschöne Erinnerungen hervor. Man soll auch beachten, dass am 7. Oktober der Angriff der Hamas ebenfalls einen sehr geplanten Eindruck gemacht hat.

Das Ziel der Hamas sei, Israel auszulöschen. Das Ziel des Holocaust war es, die Jüdische Glaubensgemeinschaft auszulöschen. Klar, dass da Erinnerungen wach werden, meint Baier. «Trotzdem glaube ich nicht, dass sich der Holocaust widerholen wird. Die Gesellschaft hat sich 80 Jahre weiterentwickelt. Das ist heute nicht mehr möglich.»

Mit grossen Worten die Grenzen aufzuzeigen, könne wirksam sein, sagt Baier. Das zeigte auch der Deutsche Vizekanzler Robert Habeck kürzlich. Mit seiner Rede auf X, vormals Twitter, hat er an das gesamte politische Spektrum appelliert.

Die Luzerner Polizei beobachtet die Lage

Was Shitrit und die JGL unternehmen, um dieser beunruhigenden Tendenz standzuhalten? «Wir arbeiten gut mit der Polizei zusammen, sie sind immer sehr schnell vor Ort. Wir zeigen jeden Vorfall an.» Auf Anfrage von PilatusToday schreibt die Luzerner Polizei: «Die Luzerner Polizei führt eine deliktsbezogene Statistik. Das heisst, es wird der jeweilige Straftatbestand erfasst und nicht das Motiv.» Sie würden aber die Entwicklungen im Zusammenhang mit dem Israel-Gaza-Konflikt aufmerksam verfolgen und entsprechende Massnahmen treffen, sofern dies nötig sein sollte.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Trotzt allem hat Shitrit die Hoffnung an das Gute nicht verloren. Es gäbe auch Personen, die ihnen Blumen vorbeibringen und sich der schwierigen Situation bewusst wären. In ihrer Gemeinde würde viel gebetet: «Wir glauben an Gott und beten jeden Tag – für alle Menschen auf dieser Erde. Es spielt keine Rolle, welchen Glauben sie haben.» Schlussendlich beendet Meir Shitrit unser Telefongespräch ganz nüchtern: «Ich habe keine Worte mehr. Mein Wunsch ist, dass jede Religion mit den anderen zusammenleben kann.»

Scan den QR-Code

Du willst keine News mehr verpassen? Hol dir die Today-App.

veröffentlicht: 6. November 2023 05:30
aktualisiert: 6. November 2023 10:53
Quelle: PilatusToday

Anzeige
Anzeige
redaktion@pilatustoday.ch