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50 Jahre Frauenstimmrecht

Appell an die Frauen: «Mischt euch ein!»

Chantal Herger, 22. Oktober 2020, 22:18 Uhr
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Quelle: PilatusToday

21 Jahre alt war Cécile Bühlmann als 1970 in Luzern das Frauenstimmrecht eingeführt wurde. Damals interessierte sie das weniger. Den Ungerechtigkeiten hingegen, die Frauen tagtäglich erfuhren, wurde sie sich immer bewusster. Und sie begann sie zu bekämpfen.

Angefangen hatte es mit der Schwarzenbach-Initiative 1970. Als Tochter einer Italienerin betraf die Initiative auch Cécile Bühlmann. Doch sie durfte nicht abstimmen gehen. "Da wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass das eine grosse Ungerechtigkeit ist. Dass meine Mutter und ich – zu einer Sache, zu der wir viel zu sagen hätten – nicht an die Urne durften.» Sie merkte, da gibt es eine Ungerechtigkeit, die sie bekämpfen will.

Die Frauen in der Schweiz waren 1970 systematisch benachteiligt: Ein Eherecht, dass dem Mann erlaubt, der Frau zu verbieten, arbeiten zu gehen; Abtreibungen waren tabu; es gab keine Mutterschaftsversicherung und Gewalt gegen Frauen war Privatsache. Heute kaum vorstellbar, war es die Realität von Cécile Bühlmann und vielen anderen Frauen in der Schweiz. Grund genug für die Luzernerin, sich in der neuen Frauenbewegung – der Organisation für die Sache der Frau (OFRA) – zu engagieren und sich ihr Leben lang für Frauenrechte einzusetzen. Aktuell unterstützt sie den Verein 1970–2020: 50 Jahre Frauenstimmrecht Kanton Luzern als Beirätin und Botschafterin.

«Es lag vieles im Argen, was die Rechte von Frauen anbelangt. Und das Unbehagen, was die Rolle der Frau betrifft, habe ich schon früh gespürt.» Bereits mit 15 Jahren wusste sie, was sie nicht wollte – in eine finanzielle Abhängigkeit von einem Mann gelangen. Ihre Haltung war geprägt vom Modell ihrer Eltern.

Mit der Frauenbewegung kam dann ihr Aha-Erlebnis: «Ich kam mit Gleichgesinnten zusammen, die das gleiche Unbehagen über unsere Situation in der Gesellschaft formuliert haben. Für mich ging eine Welt auf und ich wusste, jetzt bin ich angekommen in dieser Bewegung, die für mich meine politische Heimat ist.»

Mit der Einführung des Frauenstimmrechts sei noch nicht viel an der realen Situation verbessert worden, erzählt die ehemalige Nationalrätin. Es gab den Frauen zwar ein Instrument an die Hand, um politisch mitzureden. Doch auch wenn bereits 1981 ein Verfassungsartikel gleiche Rechte für Frauen und Männer in Familie, Beruf und Gesellschaft forderte, in der Realität umgesetzt wurde es bei Weitem nicht. 1996 folgte dann das Gleichstellungsgesetz, das gleichen Lohn für gleiche Arbeit forderte. Und trotzdem: «Das ist bis heute noch nicht eingelöst», sagt Bühlmann.

Appell an die Frauen: «Mischt euch ein!»

In der Gesellschaft sieht die Politikerin jedoch eine Veränderung: «Die Debatte um diese Fragen hat in der Gesellschaft ihre Wirkung erzielt.» Wenn Frauen andere Rollen einnehmen, hat dies auch die Gesetzgebung beeinflusst. Da gäbe es laut Bühlmann eine Wechselwirkung. So sei auch der letztjährige Frauenstreik von unfassbarem Wert: «Ich bin so froh um den Kampf der jungen Frauen.» Sie stünden nun auf ihren Schultern und führen den Kampf weiter.

Für die Zukunft wünscht sich die gelernte Lehrerin, dass die jungen Frauen lautstark ihre Rechte einfordern. Ihr Appell: «Mischt euch ein!» Nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch im Privaten soll diskutiert und ausgehandelt werden. Und sie hofft, dass es nicht nochmals 50 Jahre geht, bis das Gleichstellungsgesetz im Alltag wirklich umgesetzt wird. «Das möchte ich noch erleben», sagt die kämpferische Frauenrechtlerin.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 20. Oktober 2020 17:25
aktualisiert: 22. Oktober 2020 22:18