«Kann morgen losgehen»

Der Wolf bereitet Älplern Sorgen – doch beim Herdenschutz tun sie sich schwer

16. Mai 2022, 07:24 Uhr
Auch in der Zentralschweiz steigen die Wolfsbestände. Die Luzerner Landwirte und Bauernverbände sind besorgt. Dennoch verzichten sie teilweise wieder auf den Einsatz von Schutzhunden.
Der Wolf ist Landwirtinnen und Landwirten ein Dorn im Auge.
© KEYSTONE/MARCO SCHMIDT

Nachdem in den Nachbarkantonen Zug und Schwyz wieder vermehrt Wolfsaktivitäten festgestellt wurden, sorgen sich auch die Luzerner Landwirtinnen und Landwirte um ihre Nutztiere. 2020 wurde zuletzt im oberen Entlebuch der Wolf M76 nachgewiesen. Das Exemplar M131 war im Februar und Juli 2021 mit aller Wahrscheinlichkeit in Luzern unterwegs, schreibt die «Luzerner Zeitung».

Ob derzeit Wölfe im Kanton Luzern sind, ist nicht bekannt. Eine Anfrage der Luzerner Zeitung bei der Dienststelle Landwirtschaft und Wald ist bisher unbeantwortet geblieben. Auch Pius Schmid, Präsident des alpwirtschaftlichen Vereins Kanton Luzern, hat keine Kenntnis, ob es aktuell Wölfe im Kanton Luzern gibt. Dennoch fordert er eine einfachere Regulierung: «Wenn wir weiter so viele Bewilligungen bis zum Abschuss brauchen, haben wir bald ein Riesenproblem mit dem Wolf.»

Bis zum Einsatz von Schutzhunden können zwei Jahre vergehen

Gemäss Kanton erfolgt der wirksamste Herdenschutz mit Hunden. Von der Planung, die Herde von Schutzhunden bewachen zu lassen, bis zum definitiven Einsatz der Tiere müsse allerdings mit zwei Jahren gerechnet werden. Ansonsten empfiehlt der Kanton elektrische Zäune.

Zäune können laut Pius Schmid allerdings nicht als alleinige Lösung dienen. «Das ist eine Wunschvorstellung aus gewissen Kreisen.» Zäune könnten nicht überall gebaut werden. Zudem sei das Einzäunen in der Nacht entgegen dem natürlichen Verhalten der Tiere: «Im Sommer wollen die Tiere fressen, wenn es kühl ist. Tagsüber halten sie sich eher im Schatten auf.» Der Wolf habe derweil die Scheu vor dem Menschen verloren. Seine freien Bewegungsräume seien so klein, dass er sich an den Nutztieren vergreife. «Für die Älplerinnen und Älpler bedeutet dies so eine enorme physische und auch psychische Belastung.»

Eine pragmatische Lösung sei 2020 mit der Jagdgesetzrevision an der Urne abgelehnt worden. Diese hätte es ermöglicht, Wölfe präventiv abzuschiessen und Wolfsrudel zu regulieren. Das Nein ist für Pius Schmid unverständlich: «Wir züchten Nutztiere jahrelang, und geben dann wilden Tieren die Freiheit, diese zu reissen.» Dabei würden gerissene Nutztiere oftmals enorm leiden. «Wo ist denn da der Tierschutz? Das ist für uns Bauern schwer zu verstehen – zumal der Wolf heute keine vom Aussterben bedrohte Tierart ist.»

Dieter von Muralt ist Herdenschutzbeauftragter des Kantons Luzern. Er betont, dass der Kanton derzeit deutlich weniger Wolfsaktivität erfahre als andere Gebiete in der Schweiz. «Es ist jedoch eher die Frage, wann wir mit mehr Wölfen rechnen müssen, als ob sie zu uns kommen werden.»

Nur wenige Herdenschutzhunde im Einsatz

Heute seien weniger Schutzhunde im Einsatz und auch neue Gesuche für Hunde seien momentan eher selten. Teilweise würden die Älplerinnen und Älpler gar wieder auf die sich im Einsatz befindenden Hunde verzichten – «weil es sich nicht lohnt, oder weil es zu Vorkommnissen mit den Hunden gekommen ist». Wanderer würden sich manchmal über die Hunde beschweren, erklärt von Muralt. Aktuell werden in Luzern auf vier Alpen Herdenschutzhunde eingesetzt. Zusätzlich gibt es mehre Landwirtschaftsbetriebe, die vom Herbst bis im Frühjahr Herdenschutzhunde halten und ihre Schafe in anderen Kantonen auf die Alp bringen.

Die Bedenken der Älplerinnen und Älpler bezüglich der Zäune kann von Muralt aber nachvollziehen: «In manchen Gebieten kann man einfach nicht zäunen.» Dort sei der Herdenschutz mittels Hunden die einzige wirkungsvolle Möglichkeit. Grundsätzlich könne man ohnehin nicht verallgemeinern, welche Massnahme die sinnvollste sei. «Das kommt immer auf die jeweiligen Umstände an».

Die letzten Berichte über Wolfsrisse im Kanton Luzern sind nun schon ein Jahr her und seit dem Wolf M76 gab es auch keinen genetischen Nachweis mehr. Dieter von Muralt ist sich aber bewusst: «Es kann morgen schon wieder losgehen, man weiss es einfach nicht.» Die Prävention – gerade in Form von Hunden – sei dabei manchmal schwierig. «Der Herdenschutz funktioniert hierbei ein bisschen wie die Feuerwehr. Man löscht erst, wenn es brennt. Es ist jedoch sinnvoll, eine gut ausgerüstete Feuerwehr zu unterhalten, auch wenn es gerade nicht brennt.»

Quelle: Luzerner Zeitung
veröffentlicht: 16. Mai 2022 06:45
aktualisiert: 16. Mai 2022 07:24
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