Zentralschweiz
Luzern

«Die Bedürfnisse sind unendlich»: Luzerner Hebamme hilft in Flüchtlingscamp

Sudan/Tschad

«Die Bedürfnisse sind unendlich»: Luzerner Hebamme hilft in Flüchtlingscamp

· Online seit 19.06.2024, 08:25 Uhr
Seit April 2023 tobt im Sudan ein verheerender Konflikt, der die Region in eine schlimme humanitäre Krise gestürzt hat. Die Luzernerin, Regula Bühler, steht als Hebamme für Ärzte ohne Grenzen im Tschad im Einsatz. Im Zusammenhang mit dem Spendenaufruf der Glückskette für den Sudan konnten wir mit Regula Bühler sprechen.
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Wie kam es zu diesem Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen?

Ich arbeite seit 2021 für und mit MSF. Dies ist mein fünfter Einsatz und die Einsätze dauern zwischen 3 und 8 Monate. Hier in Aboutengué im Tschad bin ich seit Mitte April.

Was hattest du im Vorfeld für Bedenken?

Mir wurde gesagt, dass die Lebensbedingungen hier sehr strapaziös und rustikal sind. Und ich habe mich gefragt, wie gut ich mich da anpassen, Erholungspausen finden und gleichzeitig mit der intensiven Arbeitsbelastung umgehen kann.

Wie war dein Eindruck bei der Ankunft?

Es sind jeweils ganz viele Eindrücke, wenn ich an einem neuen Ort ankomme, oft sind die äusserlichen Umstände auf diversen Ebenen sehr anders als das mir vertraute Zu Hause. Hier beispielsweise ist es tagsüber meist zwischen 38 und 45 °C heiss im Schatten und nachts sinkt die Temperatur auf ca. 25-30 °C. Die geografische Zone in Aboutengué gehört zur Dornstrauch- und Trockensavanne und es gibt hier gelegentlich intensive Sandstürme und heftige Regenfälle.

Was sind deine Aufgaben?

Ich bin Hebamme und in unserem Spital im Camp verantwortlich für die Geburtenabteilung mit ca. 70 Geburten pro Monat, wo wir auch kranke schwangere Frauen und gynäkologische Beschwerden behandeln. Ausserdem gibt es eine ambulante Abteilung, in der wir Vorsorgeuntersuchungen für Schwangere, Nachsorge im Wochenbett, sowie Methoden zur Empfängnisverhütung und medizinische Behandlung und psychologische Betreuung für Überlebende von sexueller Gewalt anbieten.

Seit einem guten Monat haben wir auch eine mobile Klinik, mit der wir 4 Tage die Woche in umliegende, von der Gesundheitsversorgung weitgehend abgeschnittene Regionen fahren und kostenfreie, Vor- und Nachsorge für die tschadische Bevölkerung anbieten.

Was sind die grössten Herausforderungen bei diesem Einsatz?

Die Bedürfnisse sind unendlich und es gibt Arbeit, die auch nicht zu einem Ende kommen würde, wenn die Tage doppelt so viele Stunden hätten. Für mich ist hier vielleicht die grösste Herausforderung, unter diesen Umständen meine eigenen Bedürfnisse und Ruhepausen nicht aus den Augen zu verlieren.

Wie muss man sich die Situation vor Ort genau vorstellen?

Ob im Camp in Aboutengué oder anderswo in der Region, stellen wir fest, dass die geleistete humanitäre Hilfe leider nicht den Bedürfnissen entspricht. In Aboutengué gilt dies insbesondere für den Zugang zu Wasser oder menschenwürdigen Unterkünften. MSF kann im Moment zehn Liter Wasser pro Person pro Tag an die Menschen im Camp verteilen – für Kochen, abwaschen, sich waschen und trinken! Der angestrebte Standard wären 20 Liter pro Person/Tag. Die sanitäre Situation ist ebenfalls prekär, im Camp hier leben ca. 43’000 Personen und es gibt pro 90 Menschen eine funktionierende Latrine.

Und da täglich Hunderte neue Flüchtlinge und Vertriebene im Tschad ankommen, ist es von entscheidender Bedeutung, dass internationale Organisationen, Geber und andere humanitäre Organisationen diese Krise stärker berücksichtigen und mehr Ressourcen bereitstellen.

Was erzählen dir die Geflüchteten?

So vieles, manches nicht mit Worten. Alle Menschen hier haben Familienangehörige im Krieg und auf der Flucht verloren und sind wiederholt grausamer Gewalt ausgesetzt gewesen, mussten zum Beispiel zusehen wie andere Menschen vor ihren Augen abgeschlachtet und vergewaltigt wurden. Das meiste davon ist schwer auszuhalten. Wir haben aber auch alltägliche Gespräche und es wird sehr gerne gelacht!

Wie gehst du mit dem Leid um?

Ich übe mich jeden Tag in Empathie und Frustrationstoleranz. Mein Ziel dabei ist es berührbar zu bleiben und Mitgefühl für die tragischen Schicksale und Geschichten zu haben, ohne darunter zu leiden oder gleichgültig und ohnmächtig zu werden.

Wie wird sich dein Leben nach diesem Einsatz verändern?

Mein Leben wird sich wahrscheinlich nicht gross verändern, ich werde in einem Monat wieder nach Luzern zurückkehren, wo ich in einer unendlich privilegierten Umgebung mit Perspektiven, in Sicherheit und Freiheit entscheiden kann, was ich tun, essen, wohin ich gehen und wie ich mich weiterentwickeln will.

Wohl aber bringen diese Einsätze für mich jeweils sehr viel horizonterweiternde Erlebnisse und Begegnungen, welche die Strapazen bei weitem überwiegen.

Ich bin dankbar dafür, Zeugin für diese extreme Form der Resilienz zu sein, wo trotz widrigster Umstände Menschen auf wundersame Weise ihren Überlebenswillen erhalten und weitermachen in der Hoffnung, dass irgendwann in Zukunft manches wieder etwas einfacher und sicherer werden wird.

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(red.)

veröffentlicht: 19. Juni 2024 08:25
aktualisiert: 19. Juni 2024 08:25
Quelle: PilatusToday

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redaktion@pilatustoday.ch