Urteil gesprochen

Freiheitsstrafe und Landesverweis wegen sexueller Nötigung von Morena Diaz

Chantal Herger, 30. April 2021, 16:14 Uhr
Der Fall Morena Diaz hatte auch in den sozialen Medien hohe Wellen geworfen. Heute Mittwoch ist die Verhandlung.
© Luzerner Zeitung / Kenneth Nars
Ausgelöst wurde das Strafverfahren wegen sexueller Nötigung durch einen Instagram-Post, den die Influencerin Morena Diaz veröffentlichte. Das Gericht sprach den 33-jährigen Italiener schuldig und verurteilte ihn zu einer bedingten Freiheitsstrafe und verwies ihn des Landes.

Es sind zwei verschiedene Geschichten, die Privatklägerin Morena Diaz und der Beschuldigte dem Gericht erzählen. Bei ihrer Geschichte geht es um vaginale Penetration, um ein Nein, das nicht akzeptiert wird, um sexuelle Nötigung. Bei seiner Geschichte geht es um einen Kuss, und dann um einen zweiten, der sich im Nachhinein als Fehler herausgestellt hat.

Doch von vorne: Morena Diaz erzählt gefasst, strukturiert und ausführlich. Auf die Fragen des Gerichts und der Anwälte gibt sie klare Antworten. Auch die mutmassliche Tatnacht beschreibt sie detailliert. Erst als sie zu den intimen Details kommt, wird sie emotional. Sie muss tief Luft holen, mit zittriger Stimme fährt sie fort. Sie erzählt davon, dass der Beschuldigte mit seinem Finger in ihre Vagina eingedrungen sei und sie stimulieren wollte: «Aber ich habe keine Stimulation gefühlt, es fühlte sich an wie ein Brennen.» Mehrmals habe sie ihn gebeten, aufzuhören, sagte Nein. Doch er reagierte nicht, erst als er ihr in die Augen sah, merkte er, dass sie es wirklich nicht wollte, wie Diaz die Situation schildert. «Ich habe nur Wut, Trauer, Enttäuschung und Schmerz gefühlt.»

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Quelle: PilatusToday

In seinen Augen ist der Abend anders verlaufen. Bei der Befragung des Gerichts wirkt der Beschuldigte fahrig, temperamentvoll und springt immer wieder von Punkt zu Punkt, wiederholt sich oft. Sie hätten zusammen Filme geschaut, dann sei es spontan zu einem Kuss gekommen. Er habe sie dann gefragt, ob er sie nochmals küssen dürfe und sie habe ja gesagt. Die Küsse seien also einvernehmlich gewesen, sagt der Beschuldigte.

Im Nachfolgenden streitet er alle anderen Handlungen, die Morena Diaz bei ihrer Einvernahme angegeben hat, ab. Er vertritt vehement die Position, dass es nur diese Küsse gegeben habe. Als das Gericht ihn nach dem Motiv fragt, warum Morena Diaz eine andere Version erzählt, antwortet er: «Ich kann mir das auch nicht erklären.» Dann schiebt er trotzdem noch Medienaufmerksamkeit für die Arbeit als Influencerin als möglichen Grund nach. Vielleicht wolle sie auch seinem Bruder «eins auswischen», der vorher eine intime Beziehung zu Diaz hatte, so der Angeklagte.

Freiheitsstrafe gefordert, aber kein Landesverweis

Für die Staatsanwältin ist der Angeklagte schuldig. Sie fordert eine Freiheitsstrafe von einem Jahr, sieht aber von einem Landesverweis ab, da in diesem Fall die private Härtefallklausel greift. Der Beschuldigte sei in der Schweiz aufgewachsen und gut integriert. Die Anwältin der Privatklägerin stellt vor allem Geldforderungen.

«Entscheidende Puzzleteile fehlen»

Der Verteidiger fordert hingegen einen Freispruch für seinen Klienten und beruft sich auf den Grundsatz im «Zweifel für den Angeklagten». Eine Verurteilung aufgrund dieser Beweislage sei nicht möglich: «Es fehlen entscheidende Puzzleteile». Es sei für den Angeklagten schlimm gewesen, dass eine mediale Debatte ohne ihn geführt wurde und er quasi vorverurteilt wurde, ohne dass er angehört wurde. Der Verteidigter stellt bei seinem Plädoyer die These auf, die vor allem auf der Kuss-Version seines Mandanten beruht. Diese Version des Abends, bei dem es zu Küssen, aber nicht zu mehr gekommen sei, passe besser mit den später ausgetauschten Whatsapp-Nachrichten zwischen den beiden zusammen.

Weiter versuchte der Verteidiger, Morena Diaz als Person darzustellen, die ihre vermeintliche Vergewaltigungsgeschichte nur veröffentlichte, um mehr Medienaufmerksamkeit für ihre Arbeit als Influencerin und Sprachrohr im Kampf gegen sexuelle Gewalt zu erhalten. «Es geht ihr um Aufmerksamkeit und nicht um eine Strafverfolgung.»

Der Beschuldigte nutzt das letzte Wort, um sich beim Gericht und den übrigen Anwesenden sowie seinem Bruder für die Zeit zu bedanken. «Wir haben heute ein paar Mal in das Bild eingesehen (Anm. d. Red.: den Vorfall). Ich bin vermutlich schuldig für meine Zeit, für mein Herz und meine Seele.»

Ein Jahr Freiheitsstrafe, fünf Jahre Landesverweis

Das Strafgericht musste schliesslich vor allem die Glaubhaftigkeit der beiden Versionen beurteilen. Sie kamen zum Schluss, dass die Ausführungen von Morena Diaz plausibler erscheinen. Das Gericht spricht den 33-Jährigen wegen sexueller Nötigung schuldig und verurteilt ihn zu einer bedingten Freiheitsstrafe von einem Jahr. Ausserdem muss der Italiener die Schweiz für fünf Jahre verlassen. Damit geht das Gericht weiter als von allen beteiligten Anwälten gefordert. Zum möglichen Landesverweis sagte der Beschuldigte zu Beginn der Verhandlung: «Ich muss wieder bei null beginnen.»

Die Verteidigung hat bereits die Berufung eingereicht. Das Urteil wird an die nächsthöhere Instanz weitergezogen und ist somit noch nicht rechtskräftig.

(red.)

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 29. April 2021 16:27
aktualisiert: 30. April 2021 16:14