Heisse Tage und Nächte

Hitzefrei in der Schweiz – gibt es das?

21. Juni 2022, 10:10 Uhr
Seit mehreren Tagen erlebt die Schweiz einen Hitzetag nach dem anderen. Das Arbeiten draussen fällt schwer und verursacht Schweissperlen. Da wäre es legitim, wenn man mal einen Tag zu Hause bleiben könnte, – gibt es Hitzefrei in der Schweiz und was muss man bei der Hitze beachten?
Gibt es Hitzfrei in der Schweiz?
© Getty

Die Sonne prallt auf den Asphalt, die Luft schimmert von der glühenden Hitze. Bei diesen Bedingungen machen Bauarbeiter gerade einen Abschnitt einer Strasse neu. Solche Situationen hat man in den vergangenen Tagen oft gesehen, trotz Hitze arbeiten die Bauarbeiter weiter.

Die Schweiz kennt kein Hitzefrei

Dies, weil es im schweizerischen Arbeitsrecht kein sogenanntes Hitzefrei gibt. Auch bei hochsommerlichen Temperaturen muss grundsätzlich gearbeitet werden. Eine Ausnahme gibt es für schwangere Frauen. Gemäss des Arbeitsrechtes liegt bei ihnen die Temperaturobergrenze bei 28 Grad am Arbeitsplatz. Ist es heisser, so müssen Massnahmen zur Abkühlung getroffen werden oder die Frauen dürfen den Platz verlassen.

Bauarbeiter dürfen auch bei hohen Temperaturen den Helm nicht an den Nagel hängen.

© KEYSTONE/CHRISTIAN BEUTLER

Mehr Unfälle an Tagen über 30 Grad

Dass körperlich anstrengende Arbeiten trotz der Hitze gemacht werden, ist für den Körper sehr belastend. Dadurch kommt es an Tagen mit Temperaturen von über 30 Grad zu mehr Unfällen im Bau- und Transportgewerbe. Davor warnt die Unfallversicherung Suva.

Unfälle passieren, weil die Hitze müde macht. Irené Kunz, Fachärztin für Arbeitsmedizin bei der Suva, erklärt: «Die Hitzebelastung führt im Körper zu einer erheblichen Beanspruchung des Herzkreislaufsystems. Dies führt schliesslich auch zur Ermüdung und zu einem Konzentrationsverlust. Kann man nicht nachhydrieren, kommt es zu Schwindel und dadurch passiert schneller ein Fehlgriff.»

Organisation bei der Arbeit

An heissen Tagen sei es daher wichtig, dass der Tagesablauf besprochen wird, betont Matthias Engel vom Schweizerischen Baumeisterverband: «Jeder Unternehmer entscheidet täglich mit seinem Team, ob gewisse Arbeiten nicht oder nur reduziert durchgeführt werden. Entsprechend werden nur jene Arbeiten ausgeführt, die technisch und wirtschaftlich Sinn machen und die vor allem auch sicher sind.»

Auch die Arbeitszeiten werden dementsprechend koordiniert. «Wenn die Wetterprognose 30 Grad und mehr ankündigt, ist man auf der Baustelle froh um jeden Arbeitsschritt, der vor dem heissen Nachmittag erledigt werden kann», so Matthias Engel.

Über den Mittag wird in der Schweiz in der Regel sowieso nicht gebaut, so haben die Bauarbeiter eine «Siesta». Dies ist aber nicht die heisseste Zeit, der Abend ist das Problem. Daher ist ein früher Arbeitsbeginn wichtig, was aber nicht immer möglich ist. In Luzern zum Beispiel dürfen die lauten Bauarbeiten erst ab 07 Uhr beginnen.

Genügend Schlaf und Wasser 

Nebst dieser Organisation ist das Tragen einer Kopfbedeckung sowie angepasste Kleidung, eine Anpassung des Arbeitstempos, Pausen sowie genügend Trinken essenziell. Gemäss der Fachärztin für Arbeit bei der Suva, Irené Kunz, benötigt der Körper eindeutig mehr Flüssigkeit als an normalen Tagen: «Der Körper kann die Hitze nur durchs Schwitzen abtragen und dementsprechend verliert er viel Wasser, welches nicht mehr im Kreislauf ist. Man sollte über den Tag verteilt vier bis fünf Liter trinken und dem Durstgefühl folgen.»

Genügend Trinken ist das A und O für die Gesundheit.

© iStock

Auch sollte man sich bereits am Vorabend informieren, ob es am nächsten Tag zu einem Hitzetag kommt. «Man sollte genügend schlafen und zwar am besten, ohne vorher Alkohol zu trinken, denn dieser beeinflusst das Schlafverhalten und somit die Regeneration des Körpers während des Schlafes. Am Morgen beim Aufstehen soll man direkt viel Wasser trinken und nicht nur Kaffee», so Kunz.

Warnzeichen ernst nehmen und kommunizieren

Wichtig sei auch, dass Warnzeichen ernst genommen werden. Dazu gehören zum Beispiel Kopfschmerzen oder wenn es einem leicht schwindlig wird. «Man muss auf seinen Körper hören und ihn ernst nehmen. Spürt man, dass die Hitze zu viel wird, sollte man das Tempo reduzieren, mehr trinken oder einfach eine Pause im Schatten machen. Dies sollte man auch offen dem Chef kommunizieren, denn man muss sich dafür nicht schämen», erklärt Irené Kunz weiter.

Mit all diesen Massnahmen ist in der Schweiz Hitzefrei wohl gar nicht notwendig. Irené Kunz sagt: «In der Schweiz haben wir selten viele Hitzetage nacheinander. Dementsprechend braucht es bei Hitzetagen eine gute Arbeitsorganisation und Kommunikation.» Und tatsächlich, Ende Woche sollten die Temperaturen in der Schweiz wieder auf angenehme 25 Grad fallen.

(mbi)

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 21. Juni 2022 10:11
aktualisiert: 21. Juni 2022 10:11
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