Corona an Schulen

Homeschooling boomt in Luzern: Kritische Eltern machen ernst

Livia Barmettler, 17. Januar 2022, 12:09 Uhr
Mit der Omikron-Variante wurden die Massnahmen an den Schulen wieder verschärft. Die Folge: Eltern, die dem Schulsystem mehr und mehr misstrauen und sich vom System abwenden wollen.
Massnahmenkritische Eltern wollen ihr Kind in Zukunft zu Hause selber schulen

Repetitive Tests, Abstand halten und Maskenpflicht ab der ersten Primarklasse, das gilt seit Anfang Dezember im Kanton Luzern. Die neuen Massnahmen entfachten ein bereits loderndes Feuer unter den massnahmenkritischen Eltern. So demonstrierten rund 200 Personen am 6. Dezember vor dem Luzerner Regierungsgebäude. Ihre Kritik: Masken in Primarschulen seien unzumutbar und gesundheitsschädigend für ihre Kinder.

Eine Recherche von PilatusToday zeigt, dass Masken die Gesundheit der Kinder nicht gefährdet. Zudem wirkten die verschärften Massnahmen innerhalb von knapp zwei Wochen und es steckten sich deutlich weniger Schülerinnen und Schüler an, wie die Luzerner Zeitung berichtete. Trotzdem: Einige Eltern wollen ihr Kind nicht mit einer Maske zur Schule schicken. Sie ziehen deswegen in Betracht, ihre Kinder ganz aus der Volksschule zu nehmen und im Homeschooling selbst zu unterrichten.

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Quelle: PilatusToday / David Migliazza

In Luzern knapp 20 Prozent mehr im Fernunterricht 

In konkreten Zahlen: Im Schuljahr 2021/22 sind im Kanton Luzern bereits 17 Prozent mehr Schülerinnen und Schüler im privaten Fernunterricht als im Vorjahr. Laut Regula Huber, Mediensprecherin des Luzerner Bildungsdepartements, ist ein Auslöser für diese Entwicklung die Maskenpflicht. Huber fügt aber hinzu, dass sie diese Entwicklung in Relation mit der Gesamtzahl der Schülerinnen und Schüler im Kanton Luzern «nicht beunruhigend» findet. Es seien nur rund 0.25 Prozent, die im Homeschooling unterrichtet werden.

Etwas anders sieht das Alex Messerli, Präsident des Luzerner Lehrerinnen- und Lehrerverbands. Es sei zwar eine relative Steigerung, «aber sie ist markant und besorgniserregend. Es sind aussergewöhnliche Zeiten und die Gesellschaft driftet auseinander. So macht sich das auch an der Schule bemerkbar.»

Von sachlichen Bedenken bis zu lauter Propaganda

Das Auseinanderdriften unserer Gesellschaft zeigt sich auch in der Telegramgruppe «Maskenpflicht Schulen», die Mitte Dezember gegründet wurde. Mittlerweile zählt sie rund 2000 Mitglieder, darunter sowohl Eltern wie auch Lehrpersonen, welche die Corona-Massnahmen an den Schulen in Frage stellen. Von sachlichen Bekundungen gewisser Ängste bis zu fragwürdiger Propaganda findet man im Chat alles. Die einen suchen nach Tipps für ein allfälliges Hometeaching oder gründen private Lerngruppen in der Region, andere werden ausfällig, nennen die Behörden «Kontrollnazis» und rufen auf, die Kinder «nicht diesen satanischen Mächten zu überlassen!». Solche Aussagen lassen die Frage aufkommen, ob es in diesem Chatroom wirklich um die Massnahmen an den Schulen geht, oder doch um weit aus mehr.

Die massnahmenkritischen Eltern haben bereits Kampagnen lanciert

Lage auschecken

Im Austausch mit gut einem Dutzend Eltern aus dem Chat wird klar: Viele von ihnen suchen in der Gruppe tatsächlich nach Gleichgesinnten und wollen Alternativen zur Volksschule finden. Sie sagen, sie würden zurzeit, aufgrund der für sie unzufriedenstellenden Situation an den Schulen, einfach mal schauen, was für Möglichkeiten bestünden. Taten würden vorerst keine folgen.

Viele von ihnen haben in der Zwischenzeit bereits Atteste, welche ihre Kinder von der Maskenpflicht befreien. Es kursieren Listen im Chatroom mit Adressen von Ärzten, die ein solches ausstellen. Mit einem definitiven Austritt aus der Volksschule wollen die meisten aber noch warten. Es sei denn, die Lage würde sich verschlimmern. So wäre für viele beispielsweise eine Impfpflicht das ausschlaggebende Kriterium.

«Die rote Linie ist definitiv überschritten»

Für andere wiederum ist bereits fünf nach zwölf. Patrick Müller ist Vater von zwei Kindern, sechs- und achtjährig. Für ihn ist die rote Linie längst überschritten: «Um genau zu sein seit dem 6. Dezember 2021, als die Maskenpflicht ab der 1. Primarschule eingeführt wurde.»

Wenn die Massnahmen an den Schulen nicht bedeutend gelockert würden, werde er seine Kinder zeitnah aus der Schule nehmen. Da seine Frau Lehrerin ist, sei dies in seinem Falle unproblematisch: «Die Pläne für unser Homeschooling sind fast fertig ausgearbeitet. Heisst, ich könnte meine Kinder jederzeit aus der Schule nehmen.»

Lehrdiplom, Matura oder Fachhochschulabschluss ist Pflicht

Wer nicht selber unterrichten möchte oder kann, hat die Möglichkeit, mit anderen Lerngruppen zu bilden und die Kinder zu einer Privatlehrperson zu schicken. Dafür stehen Eltern neu, nebst der Telegramgruppe, auch Netzwerke zur Verfügung, die bei der Gestaltung des Homeschooling Unterstützung bieten. So gibt es beispielsweise ein Forum mit verschiedenen Kanälen je nach Region. Oder aber der Verband Lehrernetzwerk Schweiz, der Eltern und private Lehrpersonen zusammenbringen will.

Entschlossenheit auf der einen Seite, Skepsis auf der anderen

Patrick Müller hat keine Bedenken, seine Kinder ins Homeschooling zu schicken: «Dass die Kinder ausserhalb der Volksschule optimal geschult werden, daran habe ich null Zweifel. Im Gegenteil!» Er glaube, es könne sogar einen Vorteil haben, weil so das individuelle Potential der Kinder besser ausgeschöpft werden könne.

Kritisch sieht das Homeschooling auf eigene Faust der Präsident des Luzerner Lehrerinnen- und Lehrerverbands, Alex Messerli: «Dass der Unterricht zu Hause die gleiche Qualität wie die in der Volksschule erreicht, ist nicht möglich.» Zudem verweist er auf die Vorteile der Volksschule auf zwischenmenschlicher Ebene: «In einer Volksschule für alle treffen sich Kinder und Jugendliche aus dem ganzen Spektrum einer Gesellschaft.» Dies sei eine Chance, die nur die Volksschule bieten kann und gerade das lerne Kinder und Jugendliche wichtige «Softskills», die später positive Auswirkungen auf die berufliche und gesellschaftliche Integration sowie auf Erfolg und das Zusammenleben haben.

Austritte vorerst befristet 

Nach zwei Jahren müssen Eltern per erneutes Gesuch eine definitive Bewilligung anfordern, um ihr Kind weiterhin privat von zu Hause aus zu schulen. Darin sieht Alex Messerli eine Chance. Er hofft, dass viele zumindest nach einem befristeten Austritt wieder zurückkommen.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 17. Januar 2022 12:20
aktualisiert: 17. Januar 2022 12:20
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