Kriminalgericht

«Ich sah, wie du meinen Sohn töten wolltest»

30. November 2020, 10:31 Uhr
Beschuldigte setzte ihren kleinen Neffen in die Wanne und drückte ihn unter Wasser. (Symbolbild)
© iStock
An einen Donnerstagabend im Februar 2016 überschlugen sich die Vorfälle in einer Wohnung in Dierikon. Im letzten Moment konnte eine schizophrene Frau davon abgehalten werden, ihren eigenen Neffen in der Badewanne zu ertränken.

Die Vorwürfe gegen eine 27-jährige Frau aus dem Kosovo sind erschreckend und erdrückend zugleich. Die Luzerner Staatsanwaltschaft beschreibt die Vorfälle Ende Februar 2016 wie folgt:

Streit auf dem Spielplatz 

Die Beschuldigte (M.), eine heute 27-jährige Frau aus dem Kosovo, die seit Jahren an einer paranoiden Schizophrenie leidet, ist mit ihrer Schwägerin (P.) auf einem Spielplatz. Zu diesem Zeitpunkt hat M. bereits seit mehreren Tagen auf die Medikamente verzichtet, die sie eigentlich täglich einnehmen müsste. Wegen einer auf dem Spielplatz weggeworfenen Zigarette kommt es zu einer ersten Meinungsverschiedenheit zwischen den beiden Frauen.

Wutanfall im Badezimmer 

Noch am selben Abend sind die beiden gemeinsam im Badezimmer. P. badet ihren kleinen Sohn in der Badewanne – die Wanne ist 11 cm hoch mit Wasser gefüllt. Währenddessen sitzt M. auf dem Lavabo und drückt sich Pickel im Gesicht aus. P. sagt, sie solle nicht so fest drücken, da dies der Haut schade. Zudem solle M. vom Lavabo runterkommen, da dieses kaputt gehen könnte. Da M. die Aufforderung ignoriert, steht P. auf und holt M. vom Lavabo runter. In der Folge kommt es zu einer kurzen Auseinandersetzung. Sie endet damit, dass sich die Beschuldigte in die Wanne setzt und ihren kleinen Neffen unter Wasser drückt.

«Du ertränkst ihn ja!» 

Nach einer Schocksekunde reagiert P. Sie versucht M. wegzudrücken und ihren Sohn aus dem Wasser zu holen. Die Beschuldigte M. zeigt sich unbeeindruckt und versucht weiterhin mit allen Mitteln, den Kopf des Kindes unter Wasser zu halten. Während drei bis vier Minuten kämpfen die beiden Frauen miteinander. Um mehr Kraft zu haben, zieht P. an den Haaren der Beschuldigten und stösst sich dabei mit den Beinen von der Badewanne ab. Aber selbst das ist nicht genug – M. drückt den kleinen Jungen weiter unter Wasser.

Genau in diesem Moment kommt W., der Vater des Knaben, nach Hause. Er hört Schreie aus dem Badezimmer. Er hört wie seine Frau schreit: «Du ertränkst ihn ja!» Er geht ins Badezimmer und sieht, wie seine Schwester seinen Sohn unter Wasser drückt. Er rennt auf sie zu und zieht sie aus der Badewanne. Seine Frau P. packt in dieser Zeit ihren Sohn und verlässt das Badezimmer. Der Kindsvater war aufgebracht und schrie seine Schwester an: «Ech ha gseh, wie du mine Sohn hesch welle ertränke oder töte». Da sich die Beschuldigte M. weiterhin nicht beruhigt, schlägt ihr W. zwei- oder dreimal mit der Faust ins Gesicht. Als sie aus dem Mund blutet und ihren Bruder bittet aufzuhören, lässt er sie los.

Sprung aus dem Fenster vereitelt 

W. bringt seine Schwester nach dem Vorfall aus der Wohnung, um sie der Polizei zu übergeben. Doch noch im Treppenhaus hört er, wie M. das Fenster öffnet und versucht rauszuspringen. Er kann sie aber noch an den Beinen packen und raufziehen. Wenig später trifft die Polizei ein.

Am nächsten Morgen gibt die Beschuldigte M. zu Protokoll, dass sie ihren Neffen in einem Wutanfall unter Wasser gedrückt habe. Sie sei «voll hässig gsi» und habe dies tun müssen. Weiter gab sie zu, dass sie ihn absichtlich und bewusst «getünkelt» habe.

Verminderte Schuldfähigkeit 

Das Luzerner Kriminalgericht hat die 27-jährige M. wegen versuchter vorsätzlicher Tötung zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren verurteilt. Die Freiheitsstrafe wird aber zugunsten einer ambulanten psychischen Behandlung aufgeschoben. Das Urteil ist im abgekürzten Verfahren zustande gekommen und ist rechtskräftig.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 30. November 2020 10:31
aktualisiert: 30. November 2020 10:31