Nottwil

Luzern richtet Notspital in Paraplegiker-Zentrum ein

25. März 2020, 21:36 Uhr
Einer von zwei Schockräumen im Schweizer Paraplegiker-Zentrum.
© Schweizer Paraplegiker-Stiftung
Der Kanton Luzern erklärte ausserdem, dass er Nicht-Corona-Patienten aus dem Kanton Tessin übernimmt, um die schwierige Situation vor Ort zu entlasten.

Wegen der steigenden Zahl von Corona-Infizierten erhöht der Kanton Luzern die Zahl der Spitalbetten und Beatmungsplätze erheblich.

200 Betten in 2 Wochen in Nottwil

Am Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) in Nottwil wird ein Medical Center für den Notfall errichtet. Zusätzlich werden am SPZ bereits vorhandene Akut-Bettenkapazitäten umgenutzt. Die RehaClinic Sonnmatt wird ebenfalls als Akutspital genutzt und stellt rund 80 Betten zur Verfügung. Auch das Luzerner Kantonsspital und die Hirslanden Klinik St. Anna stocken ihre Bettenzahlen an allen Standorten auf.

Der Kantonale Führungsstab hat – gestützt auf die Vorgaben des Regierungsrates – den Auftrag erteilt, am Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) in Nottwil ein Medical Center zu errichten. In einer ersten Etappe sollen innerhalb von zwei Wochen rund 200 Betten zur Verfügung gestellt werden. Die Kapazität im Endausbau und Vollbetrieb kann bei Bedarf noch weiter gesteigert werden. Das Medical Center wird in der Turnhalle, der Aula und – soweit nötig – in weiteren Räumen des SPZ eingerichtet. Es wird losgelöst vom SPZ-Tagesbetrieb durch Militär und Zivilschutz betrieben.

Das SPZ stellt zudem seinen neuen akutmedizinischen Nordtrakt mit bis zu 100 Betten inklusive Intensivstation und rund 30 Beatmungsplätzen komplett für die Behandlung von COVID-19 Patienten zur Verfügung. Die Versorgung der querschnittsgelähmten Patienten wird uneingeschränkt in den anderen Gebäudeteilen sichergestellt sein.

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Quelle: PilatusToday

Sonnmatt wird zum Akutspital

Gleichzeitig werden in der RehaClinic Sonnmatt in Luzern 80 Betten zur Verfügung gestellt. Die Klinik wurde bereits vorübergehend als Akutspital in die Spitalliste aufgenommen.

«Die Schaffung dieser neuen stationären Strukturen ist wichtig für die bestehenden Luzerner Spitäler, also das LUKS und die Hirslanden Klinik St. Anna, damit sie entlastet werden können. Wir rüsten uns damit für den sich abzeichnenden Patientenansturm», sagt Gesundheits- und Sozialdirektor Guido Graf.

Situation am Luzerner Kantonsspital

Aufgrund der aktuellen Entwicklung rechnet das Luzerner Kantonsspital (LUKS) damit, dass die Zahl der Fälle, welche hospitalisiert werden müssen, in den nächsten Tagen und Wochen stark ansteigen wird. «Das Virus breitet sich schneller aus, als wir sehen», sagt Gesundheitsdirektior Guido Graf. Um auf diese Situation bestmöglich vorbereitet zu sein, ist das LUKS seit dem 17. März im Notfallbetrieb und führt nur noch dringliche Eingriffe und Notfalloperationen durch. Mit den dadurch frei werdenden personellen und infrastrukturellen Ressourcen wurden und werden an allen drei LUKS-Standorten die Plätze für Corona-Patienten unter Hochdruck ausgebaut:

• Der komplette 10. Stock des Spitalzentrums in Luzern wird als Isolierungsstation betrieben, der 6. Stock ist für den gleichen Zweck einsatzbereit. Auch in Sursee (7. Stock) und Wolhusen (3. und 5. Stock) wurden Isolierungsstationen eingerichtet. Insgesamt stehen damit derzeit über 120 Betten für Corona-Patienten bereit. Der Ausbau weiterer Stockwerke mit rund 200 zusätzlichen Betten ist in Planung und kann schnell realisiert werden.

• In Luzern ist die alte Intensivstation der Chirurgie auf dem 4. Stock wieder betriebsbereit und im 2. OG des Zentrums für Intensivmedizin sind weitere Plätze für Intensivpatienten in Vorbereitung. Damit und mit dem Ausbau der Kapazitäten in Sursee und Wolhusen kann die Zahl der Intensivbetten am LUKS in kurzer Zeit auf rund 65 erhöht und damit mehr als verdoppelt werden.

Der Kanton Luzern sei mit Beatmungsgeräten gut ausgerüstet, ohne die exakte Anzahl zu kennen. Da jedoch die Kapazität der Intensivstationen bereits massiv ausgebaut werden, ist der Kanton gut aufgestellt. Gemäss Professor Henzen gäbe es im Kanton für jeden Intensivplatz theoretisch auch ein Beatmungsgerät.

Fast-Tracks

• An allen LUKS-Standorten wurden sogenannte Fast-Tracks eingerichtet, in welchen bei Verdachtsfällen täglich zwischen 150 und 200 ambulante Abstriche vorgenommen werden.

Um das zu erwartende Patientenaufkommen bestmöglich bewältigen zu können, laufen am Standort Luzern derzeit bauliche und organisatorische Vorbereitungsarbeiten, um die Corona-Patientenströme möglichst vom restlichen Betrieb zu separieren, die Triage noch effizienter zu gestalten und so möglichst rasch medizinische Massnahmen einzuleiten.

Auslagerung der Geburtshilfe von Wolhusen nach Luzern

Teil dieses Ausbaus der Kapazitäten ist eine vorübergehende Auslagerung der stationären Geburtshilfe vom Standort Wolhusen in die Frauenklinik Luzern (FKL) ab dem 1. April 2020. Dadurch werden in Wolhusen personelle Ressourcen insbesondere in der Anästhesie frei, welche für den weiteren Ausbau und Betrieb der Intensivbetten für schwersterkrankte Corona-Patienten benötigt werden.

Von der vorübergehenden Auslagerung betroffen ist das geburtshilfliche stationäre Angebot (vorgeburtliche Hospitalisationen, Geburt und Wochenbett). Ambulante Schwangerschaftsuntersuchungen bleiben vor Ort in Wolhusen. Für die Umsetzung dieser Massnahme werden in Luzern zusätzliche Gebärzimmer bereitgestellt und das Team in Luzern wird durch Hebammen vom Standort Wolhusen unterstützt. Der übrige Personalbedarf wird durch die FKL mit dem heutigen Personalbestand sichergestellt. Dies ist insofern wichtig, damit die ärztlichen und pflegerischen Personalressourcen für den Kapazitätsausbau in Wolhusen verbleiben. Für Notfälle wird den Veränderungen durch eine entsprechende Koordination von Rettungseinheiten und Transportdiensten Rechnung getragen. Betroffene Patientinnen und Zuweiser der Region werden direkt durch das LUKS informiert. Um bestmöglich auf die aktuelle Situation und Weiterentwicklung zu reagieren, prüft der Sonderstab Pandemie zudem weitere Massnahmen an allen Standorten.

Situation an der Hirslanden Klinik St. Anna

Die Hirslanden Klinik St. Anna ist Teil der kantonalen Pandemieplanung und beteiligt sich mit allen personellen, materiellen und infrastrukturellen Ressourcen an der Krisenbewältigung im Kanton Luzern. Im St. Anna wurden zu diesem Zweck zwei Spezialstationen für die Isolation von COVID-19-Patienten vorbereitet und ein Fast Track eingerichtet, der eine grösstmögliche räumliche Trennung der Patientenströme erlaubt. Die Kapazität für die Behandlung von COVID-19-Patienten liegt in der Klinik St. Anna bei mehr als 100 Betten. Bei Bedarf werden die Kapazitäten der Klinik Meggen, die ebenfalls zum Hirslanden-Netzwerk am Platz Luzern gehört, beigezogen. Die verfügbaren Intensivpflegeplätze wurden im St. Anna auf aktuell 24 Plätze mehr als verdoppelt. Eingriffe werden nach medizinischer Dringlichkeit priorisiert, die Geburtenstation und das Notfallzentrum sind – mit situationsgerecht erweiterten Schutzmassnahmen – wie gewohnt in Betrieb.

«Die neu vier Akut-Spitäler, also das LUKS, die Klinik St. Anna, das SPZ und die Sonnmatt arbeiten in einem partnerschaftlichen Prozess am Aufbau der notwendigen Zusatzangebote. Diese sehr gute Zusammenarbeit in schwierigen Zeiten freut mich sehr», sagt Gesundheits- und Sozialdirektor Guido Graf.

Luzerner Psychiatrie: Alle Angebote der Grund- und Notfallversorgung sind weiterhin offen

Alle ambulanten und stationären psychiatrischen Angebote in der Grund- und Notfallversorgung in den Kantonen Luzern, Obwalden und Nidwalden bleiben grundsätzlich zugänglich. «Die grosse Verunsicherung und Ungewissheit belastet nicht nur psychisch Gesunde, sondern insbesondere auch Menschen mit psychischen Erkrankungen. Es ist umso wichtiger, dass Hilfe bekommt, wer Hilfe benötigt», sagt Gesundheits- und Sozialdirektor Guido Graf. Die bisherigen Erreichbarkeiten sind auch in der aktuellen Situation sowohl für die Patientinnen und Patienten als auch die Zuweisenden sichergestellt (www.lups.ch).

Die Luzerner Psychiatrie bietet wie bisher für andere Hilfesuchende eine telefonische Beratung an (Telefonnummer 0900 85 65 65; Beratungstelefon im 24-Stundenbetrieb; kostenpflichtig ab 10. Minute; 3.23 CHF/Min.).

Übernahme von Nicht-COVID-19-Patienten

Der Kanton Luzern ist im Rahmen der Möglichkeiten bereit, Patienten aus anderen Kantonen zu übernehmen und medizinisch zu versorgen. Es sind dies zurzeit Patientinnen und Patienten, welche nicht an COVID-19 erkrankt sind und die transportfähig sind. Als nicht sinnvoll erwies sich die Verlegung von COVID-19-Patienten, da diese beatmet werden müssen.

«Es ist insbesondere für den Kanton Tessin aktuell eine sehr schwierige Situation. Indem wir hier Patienten der Intensivmedizin an den Luzerner Spitälern LUKS und Hirslanden Klinik St. Anna medizinisch versorgen können, leisten wir einen Beitrag zur Entlastung des Tessiner Gesundheitssystems», so Gesundheits- und Sozialdirektor Guido Graf.

Militär und Freiwillige im Einsatz

Wie Benno Fuchs, Direktor des LUKS, bestätigte, ist seit heute auch das Militär im Einsatz, um die Arbeit zu unterstützen. 84 Soldaten werden aktuell im Kantonsspital eingesetzt. Daneben hat Vinzenz Graf, Stabchef Kantonaler Führungsstab, berichtet, dass sich bereits über 300 Freiwillige gemeldet hätten, um Organisationen, die ein Hilfebegehren stellen, zu entlasten. Noch konnten nicht alle Freiwilligen eingesetzt werden, jedoch ist der Kanton froh, über alle die sich melden. Dies geschieht über www.lu.ch/freiwilligenarbeit. Die Freiwilligen werden für medizinische Arbeiten, Transportdienste oder Spezialaufträge eingesetzt. Vinzenz Graf spricht von einer grossen Solidarität.

Gutes Zeugnis für die Bevölkerung

Am Wochenende wurden im Rahmen des Versammlungsverbotes 32 Bussen ausgesprochen. Regierungspräsident Winiker betont jedoch, dass dies für den ganzen Kanton gelte und deswegen eine niedere Zahl sei. Gemäss Winiker hat es bei der Bevölkerung «Klick» gemacht, was äusserst positiv sei.

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Quelle: Tele 1

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 25. März 2020 10:10
aktualisiert: 25. März 2020 21:36