Trotz zweiter Welle

Massnahmen-Skeptiker halten an Kritik fest

Irene Müller, 1. November 2020, 21:57 Uhr
Das BAG stellt auf Alarmstufe rot. Trotzdem schauen viele Menschen der zweiten Corona-Welle gelassen entgegen.
© KEYSTONE/PETER KLAUNZER
Sie sind zahlreich und bringen die Leute mit ihren Aussagen zum Nachdenken: Mediziner, die die Massnahmen des Bundes für völlig übertrieben halten. Der in Ebikon praktizierende Hausarzt Andreas Heisler ist einer von ihnen. Im Interview mit PilatusToday erklärt er, weshalb er trotz steigenden Hospitalisierungen und Todesfällen an der Kritik am Bundesrat festhält.

Anfang Woche verkündete Andreas Stettbacher, Delegierter des Bundesrates für den Koordinierten Sanitätsdienst, dass die Intensivstationen in der Schweiz bei einer anhaltenden Entwicklung der Pandemie schon bald ausgelastet sein werden (wir berichteten). Diese Nachricht schreckte viele Menschen auf. Nicht so Andreas Heisler.

Der Ebikoner Hausarzt hat keine Angst vor dem Virus. Im Gegenteil: Seiner Meinung nach sind die Massnahmen völlig unverhältnismässig und er würde sie am liebsten allesamt abschaffen. «Diese Panik traumatisiert die Leute dermassen, dass die Nebeneffekte der Massnahmen schlimmer sind, als das Virus je sein könnte», sagte er in einem Interview gegenüber PilatusToday. Auch die Medien kritisiert er, die sich hauptsächlich auf die schlechten Nachrichten konzentrieren, «obwohl es durchaus auch beruhigende Nachrichten gäbe».

Dass das Schweizer Gesundheitssystem diese Krise nicht stemmen könnte, zweifelt er keine Sekunde. «Solche Zustände, wie wir sie im Frühling in Norditalien gesehen haben, werden wir in der Schweiz nicht erleben», ist Heisler zuversichtlich. «Die sind dort schon ohne Grippewelle am Rande der Überlastung.»

Kritiker fühlen sich ungehört

Was Heisler hauptsächlich vermisst, ist ein gesellschaftlicher Diskurs darüber, ob die Massnahmen wirklich verhältnismässig sind. Er und sein Komitee hätten immer wieder versucht, das Gespräch mit Leuten aus der Taskforce zu suchen und sie zu Veranstaltungen einzuladen. Doch eine Absage folgte der nächsten.

Weil Heisler die Massnahmen aber nicht einfach stillschweigend hinnehmen will, unterstützt er die Petition «Frühling 2020», die eine unabhängige Untersuchung der Corona-Krisenbewältigung fordert. Dafür musste er viel Kritik einstecken, sogar einige seiner Mitarbeiter liessen ihn im Stich. «Mir macht es Angst, wenn ich die Aggressionen der Mitmenschen wahrnehme, denn ich setzte mich für eine ausschliesslich friedliche Veränderung der bestehenden Lage in einer inzwischen bereits gespaltenen Gesellschaft ein.»

So kam Heisler auch zu vielen Befürwortern, die in ihm eine Vertrauensperson gefunden haben. Jemanden, der ihre Sorgen versteht. «Ich merke, wie zunehmend wütend die Leute sind», erzählt er. «Am Anfang waren es mehr Frustration und Depression. Doch diese Gefühle wandeln sich langsam in Aggressionen um.»

Wird Corona zur Glaubensfrage?

Ein zentrales Problem in der weltweiten Coronakrise scheint die grosse Unwissenheit über das neuartige Virus. Das beobachtet auch Adrienne Hochuli, Doktorandin am Institut für Sozialethik der Uni Luzern. «Corona-Skeptiker stilisieren das Gegenüber, das anderer Meinung ist zu einem Gegner, haut ihm Argumente um die Ohren und verunglimpft ihn im Extremfall als Lügner. Das hat mittlerweile fast fundamentalistische Züge angenommen und verletzt Grundregeln der Streitkultur in einer liberalen Demokratie.»

Ein Phänomen, das man immer wieder bei komplexen Themen beobachten könne. «Die Leute sehnen sich nach einfachen Antworten auf schwierige Fragen», so Hochuli. Dabei sei vermutlich vielen gar nicht bewusst, dass es in der Wissenschaft nie nur schwarz oder weiss gebe, vor allem auf noch so unerforschtem Terrain.

Hochuli kritisiert aber nicht primär die Massnahmen-Skeptiker, sondern ebenfalls die Medien. «Man hat die Skeptiker von Anfang an nicht genügend zu Wort kommen lassen», ist sie überzeugt. Und weil sie sich nicht ernst genommen fühlten, hätten sie sich dann auf externen Plattformen wie Youtube versammelt, um dort ungefiltert ihre Meinungen zu verbreiten.

Gesellschaft wird corona-müde

Laut Martin Ackermann von der Taskforce haben die Bewegungsdaten der Bevölkerung bis letztes Wochenende kaum abgenommen. Demnach waren bisher die wenigsten bereit, sich freiwillig im privaten Leben einzuschränken, um die Ausbreitung der Pandemie zu bremsen.

Adrienne Hochuli vermutet dahinter eine gewisse Müdigkeit, getriggert von einem Gefühl der Sinnlosigkeit und einem nicht absehbaren Ende der Pandemie. Anders als im März, als noch Aufbruchstimmung herrschte und die Leute bereit waren, Aussergewöhnliches zu leisten zum Wohle der Gesellschaft, des Gesundheitspersonals und der Risikogruppen.

Corona-Demonstration in Ebikon

Vor rund einer Woche hatten sich gut 50 Personen in Ebikon versammelt, um gegen die Corona-Massnahmen zu demonstrieren. Auch Hausarzt Andreas Heisler war unter den Demonstranten.

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Quelle: Pilatus Today

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 30. Oktober 2020 19:55
aktualisiert: 1. November 2020 21:57