Stadt Luzern

Rote Ampeln und rote Köpfe: Dosierampeln scheiden die Geister

· Online seit 07.03.2024, 11:59 Uhr
Seit Ende Januar liegt der langersehnte Bericht zum Nutzen der Dosierampeln in der Stadt Luzern vor. Kanton und Stadt haben diese 2022 eingeführt und sprechen zumindest in puncto Reisezeit von einem Erfolg. Aus Sicht des TCS haben die neuen Ampeln allerdings «versagt».
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«Die Phasen sind kürzer, es ist schneller rot und dann wieder grün», so die kurze und prägnante Analyse von Thomas Scherer vom Quartierverein Maihof. Seit Sommer 2022 stehen unter anderem auch an der Maihof- und der angrenzenden Zürichstrasse in Luzern Dosierampeln. Ziel der Massnahme: Die Verkehrsmengen so regulieren, dass Auto und Bus flüssiger durch die Leuchtenstadt kurven.

Im Detail präsentierten Stadt, Kanton und weitere Involvierte vergangene Woche erstmals konkrete Zahlen. Insgesamt gibt es in Luzern 15 Dosierstellen. Das Fazit ist dabei zweigeteilt. Die Behörden räumen ein, dass sich die Verkehrsmenge nicht wie gewünscht um fünf Prozent reduziert hat. Blech und Leute hat es also gleich viel. Allerdings sind Busse und Autos seit Einführung der Dosierampeln schneller unterwegs. Auf der Zürichstrasse etwa sind Busse bis zu 17 Prozent, Autos rund 24 Prozent flüssiger am Fahren.

TCS: «Versagt», «gescheitert», «verschlechtert»

Wenig mit der differenzierten Analyse anfangen kann der Touring Club Schweiz (TCS), wie der regionale Sektionsleiter Alexander Stadelmann sagt: «Für uns ist klar, dass das Gesamtsystem als solches versagt hat.» Ja, der Verkehrsfluss habe sich auf gewissen Hauptachsen marginal verbessert. Aber die Pünktlichkeit beim ÖV hat sich laut Stadelmann massiv verschlechtert. Wie der TCS richtig schreibt, hat dies VBL-CEO Laurent Roux bereits im September gegenüber der «Luzerner Zeitung» bestätigt. Der TCS lässt dabei aber aussen vor, dass Roux den Dosierampeln damals durchaus einen gewissen positiven Effekt attestierte. 

Quartiere und Parkhäuser «werden ausgeblendet»

Ein zentraler Kritikpunkt der TCS-Sektion Waldstätte: Die Verantwortlichen würden sich bei der Analyse auf die Hauptverkehrsachsen konzentrieren. Die Analyse sei klar zu einseitig ausgefallen.

Eine ebensolche Situation beschreibt auch Markus Belser, Betreiber des Parkhauses National, unweit der Luzerner Hofkirche. Beim Parkhaus dosiert eine Ampel die Zufahrt zur Haldenstrasse, um dort den Verkehrsfluss zu optimieren.

Bereits im Dezember 2022 äusserte sich Belser kritisch gegenüber der Ampel vor der Parkhaus-Ausfahrt. Die Ampel erschwere die Ausfahrt und führe regelmässig zu Behinderungen im Parkhaus-Betrieb. Sobald die Ampel von Rot auf Blinkend-Orange wechsle, sei ausserdem die Verkehrssicherheit gefährdet. Autofahrer würden von einer freien Fahrbahn ausgehen und seien weniger vorsichtig.

Etappenziel auf steinigem Weg

Kommunikativ anders formulieren Stadt und Kanton den eingeschlagenen Weg. Ziel sei es ja gerade, die Hauptachsen in Luzern zu entlasten. Man bilanziert, dass dies durch eine allgemeine Verflüssigung und eine Verbesserung beim öffentlichen Verkehr erreicht werden konnte. 

«Das Projekt hat also nicht versagt, es kann aber alleine nicht alle verkehrlichen Probleme in der Innenstadt lösen», heisst es in der Stellungnahme der involvierten Projektpartner. Die Verantwortlichen stellen die Dosierampeln vielmehr als Etappe auf dem schwierigen Weg zu weniger Verkehrsfrust dar. Es brauche ergänzende Massnahmen. Einige davon sind bereits in der Pipeline und im Bericht aufgeführt. Dazu gehören etwa eine Bus-Beschleunigung auf der Dreilindenstrasse oder ein Einbahn-Regime auf der Arsenalstrasse.

Quartiervereine verhalten positiv

Drei von PilatusToday angefragte Quartiervereine blasen nicht ins gleiche Horn wie der TCS. Frank Achermann ist Vorstandsmitglied von «Belhalü», der die Quartierbewohnenden von Bellerive, Halde und Lützelmatt vertritt. Er begrüsst grundsätzlich Massnahmen, die Lärm- oder Feinstaubbelastung reduzieren. Das Dosiersystem sei deshalb im Allgemeinen sinnvoll.

Auch beim Quartierverein Hochwacht opponiert man nicht gegen die Dosierampeln: «Wenn diese eine positive Wirkung im Sinne des Gesamtverkehrskonzepts zeigen, sehen wir nicht ein, wieso diese wieder abgebaut werden sollen.»

Ein Turbo-Fussgängerstreifen

Das sieht Thomas Scherer vom eingangs erwähnten Quartierverein Maihof ebenfalls so. Es sei seit Einführung der Dosierampeln einfacher, aus Nebenstrassen wie etwa der Weggismattstrasse auf die Maihofstrasse zu fahren.

Nichtsdestotrotz bleiben für den Quartierverein einige Baustellen bestehen – wortwörtlich. Besonders in der Hünenbergstrasse sei die Verkehrssituation wegen eines Bauprojekts aktuell eingeschränkt. Und viele Quartierbewohnende hätten Mühe mit dem Fussgängerstreifen zwischen Maihof-Schulhaus und Schlossberg-Bäckerei. «Die Grün-Phase reicht oftmals nicht, insbesondere für ältere Leute oder Familien mit kleinen Kindern», so Scherer.

Ein ganz so düsteres Bild wie der TCS zeichnen die befragten Quartiervereine also nicht. Aber für Behörden wie Betroffene ist klar: Der Weg hin zu einer starken Verkehrsentlastung in der Stadt Luzern ist noch nicht abgeschlossen. Und die Fahrt dahin stockend statt flüssig.

veröffentlicht: 7. März 2024 11:59
aktualisiert: 7. März 2024 11:59
Quelle: PilatusToday

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