Heiraten

Warum sagen immer weniger Menschen «Ja, ich will»?

Livia Barmettler, 19. Januar 2022, 16:58 Uhr
2020 heirateten im Kanton Luzern so wenige Menschen wie lange nicht mehr. Auch 2021 zeichnet sich bei den Eheschliessungen ein Abwärtstrend ab. Ist Corona Schuld? Oder liegt Ja-sagen ganz einfach nicht mehr im Trend?
Verwelkt der Heiratstrend oder blüht er bald wieder auf?

2020 haben rund 1'800 Luzerner Paare «Ja» gesagt. So wenige Trauungen gab es im Kanton Luzern letztmals im Jahr 2006. In den vergangenen fünf Jahren sank die Anzahl Eheschliessungen kontinuierlich. Und es sieht danach aus, dass der Abwärtstrend auch 2021 seinen Lauf nimmt.

Minus 100 Hochzeiten 

Die vom Bundesamt für Statistik (BFS) erhobenen und provisorisch zur Verfügung gestellten Daten zeigen die Anzahl Eheschliessungen von Januar bis Oktober 2021. Zoomen wir an den Kanton Luzern heran, so lautet das Fazit der ersten drei Quartale im Vergleich zum vorherigen Jahr: Von Januar bis Oktober haben rund 100 Luzerner Paare weniger geheiratet als im vorgängigen Jahr. Auch wenn die Zahlen provisorisch und noch mit Vorsicht zu geniessen sind, zeichnet sich bereits wieder ein Negativ-Trend ab.

Warum?

Die Erhebung des BFS von 1990 bis 2020 über die gesamte Schweiz macht deutlich: Nicht nur die Luzernerinnen und Luzerner heiraten immer seltener, es fällt in allen Regionen weniger oft ein «Ja, ich will». Die Erhebung zeigt ausserdem, dass wir die tiefen Zahlen in den letzten beiden Jahren nicht einfach der Corona-Pandemie in die Schuhe schieben können. Der Usprung scheint viel weiter zurückzuliegen. Aber wenn wir es nicht dem Virus unterjubeln können, wem dann?

Von «bis zum Tode» zu «let's see»

Für den Soziologen Franz Schultheis liegt der Grund für die sinkende Anzahl Eheschliessungen in den 70ern. «Da begann sich das Bild einer Familie radikal zu wandeln». Nicht-eheliche Lebensformen kamen auf und nicht-eheliche Kinder wurden nicht mehr verurteilt. Die Kirche verlor an Bedeutung und die Mentalität von Liebesbeziehungen veränderte sich zunehmends: «Vom Mindset «bis zum Tode» zur Idee, einfach solange miteinander zu sein, wie man sich liebt», erklärt Schultheis.

Die Welt wird bunter 

Die Anzahl Eheschliessungen wird weiter zurückgehen, das ist für den Soziologen klar. «Es werden neue Formen des verbindlichen Zusammenlebens entstehen.» Ein Beispiel dafür sei die PACS-Partnerschaft. Je mehr solche Möglichkeiten es gibt, umso mehr verliere die traditionelle Ehe ihre Monopolstellung und umso bunter werde die Welt.

Weniger ist mehr

Dass sich immer weniger Menschen trauen wollen, ist nicht der einzige Wandel: Die Art und Weise, wie wir heiraten, wenn wir es dann überhaupt wollen, ist nicht mehr dieselbe wie einst. Schneeweiss, pompös, inklusive mehrstöckiger Torte und Hochzeitstanz war gestern. Mehr dazu im Interview:

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 19. Januar 2022 15:58
aktualisiert: 19. Januar 2022 16:58
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