Anzeige
Interview

Was tun bei Schlafstörungen?

29. August 2021, 20:23 Uhr
Schlaf braucht jeder Mensch. Doch wie gut schläfst du wirklich? Ein Viertel der Schweizer Bevölkerung leidet unter Schlafstörungen, wie eine Auswertung des Bundesamtes für Statistik zeigt. Laut dem Chefarzt der Klinik für Schlafmedizin Luzern hat die Pandemie bei vielen Schlafstörungen noch verstärkt. Im Interview gibt er Tipps, was man gegen Schlafstörungen tun kann.
Ein Viertel der Schweizer Bevölkerung leidet unter Schlafstörungen.
© KEYSTONE/CHRISTOF SCHUERPF

Sebastian Zaremba, Sie sind Chefarzt der Klinik für Schlafmedizin Luzern. Mal eine grundsätzliche Frage: Wie viel Schlaf braucht ein Mensch überhaupt?

Der individuelle Schlafbedarf unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. Und ist auch abhängig vom Alter. Als Kinder und Jugendliche brauchen wir deutlich mehr Schlaf als im Erwachsenen- oder höheren Lebensalter. Während wir in den ersten 20 Jahren unseres Lebens in der Regel 8 - 10 Stunden Schlaf pro Nacht benötigen, sinkt die mittlere Schlafdauer etwa ab dem 25. Lebensjahr auf 6 - 8 Stunden.

In den letzten Jahren haben Studien an grossen Bevölkerungsgruppen gezeigt, dass Menschen, welche längerfristig weniger als 7 Stunden pro Nacht schlafen, ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben. Auch werden diese Menschen durchschnittlich weniger alt als Menschen mit ausreichender Schlafdauer. Daher empfehle ich immer eine minimale Schlafdauer von mindestens 7 Stunden.

Was sind denn die Faktoren, welche Schlafstörungen fördern?

Viele Elemente unseres täglichen Lebens können den Schlaf stören. Neben einem hohen Stresslevel im Beruf oder Privatleben führen vor allem unregelmässige Liegezeiten zu schlechtem Schlaf. Auch übermässige körperliche oder geistige Aktivitäten direkt vor dem Schlafengehen oder vielleicht sogar im Bett, erschweren das Einschlafen.

Wann leidet man denn offiziell an einer Schlafstörung?

Jeder Mensch kennt sicherlich Schlafstörungen. Sei es nach einem ereignisreichen Tag oder vor einem wichtigen Termin. In solchen Situationen ist es ganz normal, dass man einmal schlecht schläft. Wenn Ein- oder Durchschlafstörungen allerdings längerfristig bestehen, sollte man spätestens nach drei Monaten den Hausarzt oder einen Schlafmediziner kontaktieren. Wir sprechen dann von einer chronischen Schlafstörung.

Wie lange leiden Betroffene durchschnittlich an Schlafstörungen?

Viele akute Schlafstörungen wie im oben erwähnten Beispiel verschwinden binnen weniger Tage von selbst. Wenn sich die Schlafstörung jedoch nicht innerhalb von drei Monaten bessert, sprechen wir von einer chronischen Schlafstörung. Diese bleibt dann ohne gezielte Behandlung der zugrunde liegenden Ursache meist über lange Zeit, in vielen Fällen sogar lebenslänglich bestehen. Durch eine passende Therapie der Erkrankungsursache lassen sich aber alle Schlafstörungen gut behandeln, in vielen Fällen sogar heilen.

Sind Schlaftabletten die Lösung?

Schlaftabletten stellen keine gute langfristige Behandlungsmöglichkeit dar. Zwar können Schlaftabletten anfänglich zu einer Besserung des Ein- und Durchschlafens führen, indem sie die den Schlaf störenden Ursachen wie beispielsweise nächtliche Weckreaktionen überdecken. Innerhalb weniger Wochen kommt es jedoch zu einer Gewöhnung und somit zu einem Wirkungsverlust der Schlaftablette. Das führt dann häufig zu einer Steigerung der Medikamentendosis und im schlimmsten Fall zu einer Medikamenten-Abhängigkeit.

Was hilft, wenn ich nicht einschlafen kann?

Akute, kurzfristig auftretende Schlafstörungen lassen sich durch einfache Verhaltensmassnahmen positiv beeinflussen. Wenn Ihnen das Einschlafen schwerfällt oder Sie in der Nacht für längere Zeit wach liegen, sollten Sie das Bett verlassen. Das Liegenbleiben im Bett führt meist nur dazu, dass man sich Gedanken und Sorgen macht oder vielleicht wütend auf den schlechten Schlaf und sich selbst wird. Das sind Gedanken und Gefühle, welche zu geistiger Anspannung und Stress führen. Dann hilft es, sich ausserhalb des Schlafzimmers mit einer ruhigen Tätigkeit zu beschäftigen.

Lesen Sie zum Beispiel ein paar Seiten in Ihrem Lieblingsbuch oder schauen Sie aus dem Wohnzimmerfenster. Dies lenkt die Gedanken weg vom schlechten Schlaf und den Herausforderungen des Tages. Meist reichen ein paar Minuten, um auf andere Gedanken zu kommen. Kehren Sie dann ins Bett zurück und versuchen Sie erneut einzuschlafen. Falls es immer noch schwerfällt, verlassen Sie das Bett erneut. Und auch wenn die Nacht noch so unruhig ist, denken Sie immer daran: Nach einer schlechten Nacht folgt fast immer eine Gute.

Hat die Pandemie einen Anstieg an Betroffenen von Schlafproblemen hervorgebracht?

Die Corona-Pandemie hat uns sicherlich alle in gewissem Masse beeinträchtigt und führt bei vielen von uns zu Sorgen und Stress. Dies führt auch zu einer Zunahme von Schlafstörungen. Insbesondere durch Stress bedingte Schlafprobleme haben in der Pandemie zugenommen.

Auch die Langzeitfolgen von Corona gehen ja unter anderem mit Tagesmüdigkeit und Leistungsminderung einher. Leider finden jedoch bisher nur wenige Patienten mit Long-Covid den Weg in ein Schlaflabor – den Spezialisten für Tagesschläfrigkeit. Dennoch ist auch bei diesen Symptomen eine schlafmedizinische Abklärung in vielen Fällen sicherlich sinnvoll.

(van)

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 29. August 2021 20:24
aktualisiert: 29. August 2021 20:23