Ein Stück Kultur

«Wildiheiw» verleiht den Nidwaldner Wildheuern eine Stimme

Marina Lampert, 2. November 2022, 11:31 Uhr
Die Nidwaldner Autorin und Journalistin Elsbeth Flüeler leistet mit ihrem Buch «Wildiheiw. Wildheuen in Nidwalden» einen Beitrag zur Schweizer Kulturgeschichte. Sieben Jahre lange beschäftigte sich die Nidwaldnerin mit der Arbeit der Wildheuer – jetzt ist das Buchprojekt vollendet.
In den Planggen können die Wildheuer wirklich Bauern sein und mit der Natur verbunden ihrer Leidenschaft nachgehen.
© Bild: Severin Nowacki
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Elsbeth Flüeler ist gebürtige Nidwaldnerin. Das Herz der studierten Kulturgeografin schlägt für die Natur und Landschaft. Zehn Jahre lang war sie deshalb auch als Geschäftsleiterin der Alpenschutzorganisation «Mountain Wilderness» tätig und setzte sich mit dem nachhaltigen Umgang der Alpennatur auseinander. Zu dieser Zeit schrieb sie als leidenschaftliche Wanderin ihren ersten Wanderführer und entdeckte ihre Passion für das journalistische Handwerk.

Durch die Gespräche mit den Wildheuer hat sich für Elsbeth Flüeler eine ganz neue Welt eröffnet – «eine Gedankenwelt, Sprachenwelt und Bilderwelt zusammen».

© zVg

Auslöser war eine Diskussion

Ein- oder zweimal im Jahr geht Elsbeth Flüeler zusammen mit Freunden für ein paar Tage in den Bergen wandern. Diskussionen seien dabei keine Seltenheiten, sagt Flüeler und lacht. An einem Abend nach einer langen Bergwanderung sei es dann zu einer kontroversen und heftigen Diskussion gekommen über das Wildheuen. Ihre Freunde hätten die Arbeit der Wildheuer zu idealisierend und nostalgisch dargelegt, schreibt sie im Vorwort ihres Buches «Wildiheiw. Wildheuen in Nidwalden».

Der Meinungsstreit an diesem Abend sei ihr auf eine seltsame Art hängen geblieben und weckte ihre Wissensneugier: «Ich brauchte Antworten.» Das sei der Auslöser für das Buchprojekt gewesen. Die Idee, über die Wildheuer in Nidwalden zu schreiben, kam Flüeler erst, als sie damals einen Artikel über das «Wildheuförderprogramm» in Uri geschrieben hat: «Da hat es mich wundergenommen, was denn mit Wildheuer in Nidwalden ist».

Wildheuer sammeln auf den Bergwiesen das Heu zusammen und transportieren es ins Tal.
© Bild: Severin Nowacki

Wildheuen in Nidwalden

Vor sieben Jahren startete Flüeler ihr Buchprojekt «Wildiheiw. Wildheuen in Nidwalden». Dank Bildern eines Fotografen nimmt Flüeler die Leserinnen und Leser mit auf die Planggen. Sie erzählt, wie und mit welcher Leidenschaft die Bergbauern ihr Handwerk «Wildheiwe» ausüben. In den Wintermonaten lauschte sie daher den Geschichten von über 100 Bergbauern und im Sommer packte sie gleich selbst mit an. «Ich habe versucht, die Geschichten der vergangenen 100 Jahre zu sammeln, um zu erfahren, welche Bedeutung das Wildheiwe im Kanton Nidwalden hatte und immer noch hat», erzählt uns die Autorin in einem Interview. «Die Wildheuer gingen nicht aus Plausch da rauf und setzten sich der harten Arbeit und Gefahren aus. Das hat ein ökonomischer Hintergrund».

Vor zwei Jahren hat das Reportagemagazin «+41» die Nidwaldnerin bei ihrem Buchprojekt begleitet:

Quelle: tele1

Wildheuer waren arme Leute

Wildheuer gibt es seit dem 17. Jahrhundert. Damals wurden sie als arme Leute bezeichnet, welche weder Wiesen und Alpen hatten und ihr weniges Vieh daher mit Heu aus der Wildnis ernähren mussten. So hatte das Wildheuen in frühen Zeiten einen ökonomischen Hintergrund. Die Armut trieb die Wildheuer in die gefährlichen und abgelegenen Planggen.

Die Arbeit der Wildheuer ist gefährlich. Das Hantieren der sperrigen Burden erfordert Kraft, Geschicklichkeit und Bergerfahrung.

© House of Switzerland

Heute spricht der grosse Mineralgehalt des Heus auf den Steilhängen für das Wildheuen. Für die Kühe sei das wie Medizin, schreibt Flüeler in ihrem Buch. Die Tiere, die Wildheu frässen, hätten weniger Blähungen. Durch die abgelegene Lage bleiben die Planggen unberührt, sodass zudem zahlreiche Insekten und Wildblumen gedeihen können. Aufgrund der hohen Artenvielfalt auf den Wildheuflächen erhalten die Wildheuer für ihre Bewirtschaftungsarbeit seit 2002 finanzielle Unterstützung vom Kanton.

Neue Welt in den Planggen

Durch die Gespräche mit den Wildheuern und der Mitarbeit auf den Planggen hat sich Flüeler eine ganz neue Welt eröffnet – «eine Gedankenwelt, Sprachwelt und Bildwelt zusammen.» Sie erhielt einen persönlichen Einblick, wie die Wildheuer die Natur sehen und welchen Bezug sie zu dem «Heiw» und den Tieren haben. Auch über die Sprache der Wildheuer habe die Nidwaldnerin viel gelernt und liess diese auch in ihr Buch einfliessen.

Durch die Arbeit an den Planggen, lernte sie Orte kennen und schlug Wege ein, welche sie sonst nie gesehen oder gegangen wäre. «Ich fühle mich nun mehr verbunden mit meiner Heimat als zuvor».

«Ich halte es oft in der Hand»

Über die Vollendung des Buches ist Elsbeth Flüeler sehr stolz. Vor allem ist sie stolz auf ihren Mut, es durchgezogen zu haben. «Ich halte es oft in der Hand und streiche über den Buchdeckel.» Mit den Leseexemplaren im Gepäck besuchte Flüeler auch die Wildheuer, welche sie begleitet und befragt hat. «Mir ist es wichtig, dass die Wildheuer mein Buch gegenlesen. So können sie mir sagen, ob ich ihrer Arbeit gerecht werde.» Zusammen haben sie diese gelesen und Kaffee-Schnaps getrunken. Es sei fast immer ein kleines Fest gewesen, erzählt die Nidwaldnerin und lacht.

Die Nidwaldner Autorin und Journalistin Elsbeth Flüeler, leistet mit ihrem Buch «Wildiheiw. Wildheuen in Nidwalden» einen Beitrag zur Schweizer Kulturgeschichte.

© zVg

Ein weiteres Buchprojekt hat die Nidwaldner Autorin aktuell nicht geplant. «Ich gehe weiterhin meiner Tätigkeit als Wanderjournalistin nach und möchte die freie Zeit dem Wandern und Gärtnern widmen».

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 29. Oktober 2022 13:54
aktualisiert: 2. November 2022 11:31