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Nidwaldner Lohnstudie

«Wir müssen aufhören, Ungleichheit erklären zu wollen»

Mario Trlaja, 23. September 2021, 17:47 Uhr
Beim Kanton Nidwalden verdienen Frauen weniger als Männer. Weil diese Ungleichheit unter einem Richtwert des Bundes liegt, sieht der Kanton keinen Handlungsbedarf. Die Nidwaldner Feministin Jana Avanzini ist ob dieser Haltung nicht überrascht.
Die Nidwaldnerin Jana Avanzini engagiert sich seit Jahren für die Gleichstellung der Geschlechter.
© Kristina Gysi / Luzerner Zeitung

Anliegen zur Gleichstellung hätten es in Nidwalden schon immer schwer gehabt, sagt die Nidwaldnerin, die inzwischen seit mehreren Jahren in Luzern lebt.

Laut Nidwaldner Lohnanalyse verdienen weibliche Kantonsangestellte im Durchschnitt rund 1'300 Franken weniger als ihre männlichen Kollegen. Da überdurchschnittlich viele Frauen in Berufen mit tieferen Lohnniveaus vertreten sind, sei ein grosser Teil dieser Differenz erklärbar, schreibt der Kanton am Donnerstag.

Sollten sich genügend qualifizierte Frauen auf besser bezahlte Stellen beim Kanton bewerben, werden diese auch eingestellt, sagt der Nidwaldner Finanzdirektor Alfred Bossard auf Anfrage von PilatusToday.

Das sei nicht so einfach, wendet Jana Avanzini ein. "Es gibt Studien, die belegen, dass Männer deutlich häufiger als Frauen benachteiligt werden, wenn sie Teilzeit arbeiten wollen." Dies halte Männer, die dies wollen, davon ab, Teilzeit zu arbeiten. Für Frauen sei genau das Gegenteil der Fall. Die Folge: «Die 40-Prozent-Jobs werden von Frauen gemacht und Männer arbeiten fast alle Vollzeit. Und weil die meisten Kaderposten Vollzeit fordern, werden diese vor allem von Männern ausgeübt», sagt Avanzini.

Neue Konzepte sind gefragt, keine Erklärungen

Die Realität auf dem Arbeitsmarkt erlaube es Frauen oft nicht, Muttersein und Jobs mit grosser Verantwortung unter einen Hut zu bringen, ist Jana Avanzini überzeugt. Was es brauche, seien neue Ansätze, die es auch Führungspersonen erlauben, Teilzeit zu arbeiten, zum Beispiel bei einem «Top-Sharing». Hier teilen sich zwei Führungskräfte ein 100-Prozent-Pensum. «Ich denke nicht, dass man solche Modelle beim Kanton Nidwalden auf dem Radar hat», sagt Jana Avanzini.

Top-Sharing und ein Ausbau von Teilzeit-Jobs scheinen zumindest im Rahmen der Lohngleichheit kein Thema beim Kanton Nidwalden zu sein. Denn wenn Merkmale wie Dienstjahre, Pensum, Ausbildung und Jobprofil berücksichtigt werden, schrumpfe auch die Lohndifferenz zwischen Mann und Frau auf 265 Franken, so die Ergebnisse der Analyse. Dies entspricht einer Abweichung von 2,7 Prozent und liegt unter dem Richtwert des Bundes. «Deshalb sind wir der Meinung, dass wir keine weiteren Massnahmen ergreifen müssen», so Finanzdirektor Bossard dazu.

Eine Ansicht, die Jana Avanzini überhaupt nicht teilt. «Wir müssen aufhören, die grossen Lohnunterschiede wegerklären zu wollen, bis nur noch eine kleine Differenz übrig bleibt.» Im Zentrum sollte die Frage stehen, warum Frauen vermehrt Berufe wählen, die schlechter bezahlt werden. «Sicher nicht, weil sie Lust auf weniger Geld haben, sondern weil man Jobs schlicht schlechter bezahlt, wenn sie vermehrt von Frauen ausgeübt werden.»

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 23. September 2021 18:21
aktualisiert: 23. September 2021 17:47