Tote, Unfälle und Gewalt

Polizei-Psychologin: «Aussergewöhnliches ist nie Routine»

Sven Brun, 15. August 2022, 15:52 Uhr
Von Mitarbeitenden der Polizei wird viel abverlangt. In den schwierigsten Situationen, bei denen unsereins möglichst wegschauen möchte, müssen die Einsatzkräfte funktionieren. Wie verarbeiten Polizistinnen und Polizisten solche Ereignisse?
Mit Blaulicht unterwegs, um Hilfe zu leisten: Die Luzerner Polizei.

Tödliche Unfälle, Familiendramen oder schwerverletzte Kinder. Polizistinnen und Polizisten erleben in ihrem Job Geschichten, bei denen es vielen von uns kalt den Rücken hinunterläuft. Franziska Emmenegger ist Leiterin der Betriebs- und Polizeipsychologie der Luzerner Polizei. Sie und zwei weitere Psychologinnen unterstützen die Mitarbeitenden im Umgang mit schwierigen Ereignissen und helfen bei Bedarf mit, diese besser verarbeiten zu können.

Franziska Emmenegger, Leiterin der Betriebs- und Polizeipsychologie der Luzerner Polizei.

© Luzerner Polizei

Der Umgang mit schwierigen Situationen und Erlebnissen ist Bestandteil der Ausbildung zur Polizistin oder zum Polizisten. Alle Einsatzkräfte seien sich bewusst, dass sie bei der Arbeit mit dramatischen Geschichten konfrontiert werden. «Die Polizistinnen und Polizisten lernen, dass es wichtig ist, solche aussergewöhnlichen Erfahrungen und Bilder gut zu verarbeiten.»

In den allermeisten Fällen gelingt das den Einsatzkräften gut und ohne viel Unterstützungsbedarf. «Es ist allen aber bewusst, dass es – aus welchen Gründen auch immer – einmal zu viel werden kann», so Emmenegger. Daher sei das sorgsame Hinschauen und gute Verarbeiten wichtig. Man wolle sicherstellen können, dass die Polizistinnen und Polizisten auch weitere zukünftige Einsätze gut meistern können.

Polizisten für Polizisten

Aus grossen internationalen Tragödien wie beispielsweise Flugzeugabstürzen oder Seilbahnunglücken habe man gelernt, wie wichtig es für Betroffene sei, ihr Erlebtes gut zu verarbeiten. Die Erkenntnisse aus der Forschung macht sich die Luzerner Polizei schon seit mehr als 20 Jahren zunutze. Umgesetzt in Form der Peerorganisation «Polizisten für Polizisten». Sie sagt: «Diese hat sich in den letzten Jahren stetig weiterentwickelt und ist zu einer Selbstverständlichkeit geworden.» Mittlerweile sei man auch zentralschweizerisch sehr gut vernetzt.

Zehn Polizistinnen und Polizisten und ein Polizeiseelsorger üben bei der Luzerner Polizei in einer Nebenbeschäftigung die Funktion als Peer aus. Die speziell ausgebildeten Peers stellen innerhalb der Polizei die psychologische Notfallintervention sicher – sozusagen als Erste Hilfe für Einsatzkräfte nach Einsätzen mit traumatisierendem Potential. In einem sogenannten «Defusing-Gespäch» wird mit den betroffenen Polizisten über das Erlebte gesprochen und aufgezeigt, wie sie das Erlebte verarbeiten können.

Konkret nennt Franziska Emmenegger schwere Verkehrsunfälle mit Kindern als Beispiel. «Das sind Bilder, die ein Polizist nicht so schnell aus dem Kopf bringt», sagt sie. Insbesondere, wenn man eigene Kinder im selben Alter habe. «Nach ganz massiven Ereignissen wird mit den involvierten Polizistinnen und Polizisten sorgfältig abgeklärt, ob sie sich wieder fit genug für Einsätze fühlen.» Die Fürsorgepflicht werde von den Vorgesetzten sehr ernst genommen: «Beispielsweise mit einem freien Tag oder dass die Betroffenen nicht auf Einsatzpatrouille geschickt werden.»

Und auch die persönlichen Bewältigungsstrategien sind gemäss der Polizeipsychologin entscheidend bei der Erlebnisverarbeitung. «Je mehr Ressourcen und Unterstützung eine Polizistin oder ein Polizist zur Verfügung hat, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man schlimme Erlebnisse gut verarbeiten kann». Emmenegger meint damit Familie, Freunde und Freizeitbeschäftigung. «Manchmal reicht bereits ein Gespräch oder Spaziergang, um die heftigen Erlebnisse schneller und besser verarbeiten zu können.»

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 15. August 2022 15:15
aktualisiert: 15. August 2022 15:52
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