Ski Alpin

Schweizer Cheftrainer: «So viele gestürzte Fahrerinnen habe ich noch nie erlebt»

· Online seit 20.02.2024, 09:03 Uhr
Beat Tschuor, Cheftrainer des Schweizer Frauenteams, zieht nach dem Rennwochenende in Crans-Montana Bilanz. Im Interview mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA spricht er über den Wert von Lara Gut-Behrami, die vielen Verletzten und fehlende Resultate.
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SDA: Beat Tschuor, rund drei Viertel der Saison sind vorbei. Was ziehen Sie für ein Zwischenfazit?

Beat Tschuor: Wir haben definitiv zu viele Verletzte. Alleine in Cortina hatten wir fünf Athletinnen, die gestürzt oder ausgefallen sind und die sich teilweise schwer verletzt haben. Nun fallen auch noch zwei junge Fahrerinnen verletzt aus, die in diese Lücken hätten springen können: Malorie Blanc riss sich hier in Crans-Montana im Europacup letzte Woche das Kreuzband, Laura Huber brach sich in Meiringen im Riesenslalom-Training das Schien- und Wadenbein. Natürlich fehlt auch Wendy Holdener, die sich früh in der Saison verletzt hat.

Wendy Holdener steht zwar wieder auf den Skiern, ob sie diese Saison wieder in den Weltcup einsteigt, ist fraglich:

Quelle: PilatusToday

Haben Sie ein Wochenende wie in Cortina d'Ampezzo schon einmal erlebt?

Nein. Dass so viele Fahrerinnen – auch arrivierte – gestürzt sind, das habe ich so noch nie erlebt. Uns hat es extrem hart getroffen. Zum Glück ist Michelle Gisin wieder da, Joana Hählen ist auf einem guten Weg zurück. Stephanie Jenal und Priska Nufer sind auch glimpflich davongekommen. Aber dieses Wochenende hat Spuren hinterlassen.

Die körperliche Komponente ist das eine, die mentale das andere. Sieht man sich die einzelnen Resultate an, konnten nicht alle Fahrerinnen die Geschehnisse bis Crans-Montana komplett wegstecken.

Am Freitag hatten wir mit dem Doppelsieg durch Lara Gut-Behrami und Jasmine Flury sowie dem siebten Platz von Priska Nufer ein Top-Ergebnis. Am Samstag fuhr Lara trotz angeschlagener körperlicher Verfassung auf das Podest. Die anderen Fahrerinnen haben, wie am Sonntag leider auch, zu viele Fehler gemacht.

Das Wochenende auf dem Walliser Hochplateau ist ein Spiegelbild der Saison. Gut-Behrami holt für das Schweizer Frauenteam die Kohlen aus dem Feuer: 13 von 18 Podestplätzen und sieben der acht Siege gehen auf ihr Konto. Ohne sie sähe die Bilanz ganz anders aus.

Ich denke ja nicht ohne sie. Es wäre überall anders, wenn man einem Kader den Top-Shot wegnehmen würde. Die Bilanz bei den Männern wäre ohne Odermatt auch anders. Es ist kein Denkansatz, den wir als Trainer nutzen. Wir arbeiten mit jenen Athletinnen, die uns zur Verfügung stehen.

Wie wichtig ist Gut-Behrami für Ihr Team?

Sie ist die unumstrittene Leaderin und sehr wichtig. Sei es durch ihre Resultate, sei es durch ihre Rolle innerhalb der Mannschaft. Sie gibt viel rein in die Gemeinschaft, das sieht kein Mensch von aussen. Sie ist eine sehr gute Teamplayerin, das darf man mittlerweile so sagen.

Sie sind schon seit sechs Jahren ihr Trainer. Wie haben Sie ihre Entwicklung in dieser Zeit wahrgenommen?

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Lara war für mich schon immer eine positive Erscheinung. Wenn ich den Mensch anschaue, hat sie in den letzten sechs Jahren aber schon eine Wandlung durchgemacht. Auf den Topathletinnen lastet viel Druck. Es ist logisch, dass sie sich dadurch im Laufe der Zeit verändern. Dass es bei Lara nun in diese Richtung geht, ist schön zu beobachten. Sie strahlt eine gewisse Souveränität und Gelassenheit aus, geht mit dem Trubel um ihre Person sehr entspannt um. Gleichzeitig macht sie ihren Job höchst seriös. Das ist wohl ihr Erfolgsrezept.

Eine, die auf diese Saison hin nach einem schwierigen Jahr quasi auferstanden ist, ist Michelle Gisin. Wie erklären Sie sich ihre Rückkehr zu alter Stärke?

Sie hat nach ihrem Materialwechsel ein Jahr gebraucht, um das Vertrauen in das Material aufzubauen und daran zu arbeiten. Sie ist eine hervorragende Athletin und eine ausgezeichnete Skifahrerin. Dass sie an der Weltspitze mitmischt, ist für mich logisch. Der Sturz in Cortina hat sie leider wieder ein bisschen zurückgeworfen in den Speed-Disziplinen. Im Slalom ist sie aber hervorragend zurückgekehrt. Michelle ist auch als Persönlichkeit sehr wichtig für das Team.

Was fehlt den anderen Fahrerinnen, um konstant vorne mitzumischen?

Auch diesen Denkansatz habe ich nicht. Ich frage mich nicht, was fehlt, sondern will die Athletinnen entwickeln. Nehmen wir Fahrerinnen wie Stephanie Jenal, Noémie Kolly, Delia Durrer oder Janine Schmitt. Die müssen wir entwickeln, Geduld mit ihnen haben, gerade in den schnellen Disziplinen. Wenn man sie überfordert, verletzen sie sich früher oder später oder werden defensiv.

Wie stellen Sie als Cheftrainer sicher, dass diese Athletinnen nicht überfordert werden?

Es braucht Ruhe und Zeit, ein gutes Coaching und gute Belastungssteuerung. Hier sind wir an einem kritischen Punkt. Es gibt – wie an diesem Wochenende in Crans-Montana – immer wieder Triple-Events. Diese kosten die Athletinnen extrem viel Energie, vor allem, wenn es mitten im Winter ist. Ich bin froh, gibt es bis zum Saisonende keine solche Wochenenden mehr.

Das Interview führte Pascal Vogel von der Nachrichtenagentur Keystone-SDA

veröffentlicht: 20. Februar 2024 09:03
aktualisiert: 20. Februar 2024 09:03
Quelle: Today-Zentralredaktion

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