Anzeige
Expats

Schweizerische Zurückhaltung erschwert das Eingewöhnen

30. Mai 2021, 16:38 Uhr
Die Schweiz ist bei Expats eher unbeliebt. Es sei schwierig, hier Freunde zu finden und sich zu integrieren. In der Zentralschweiz gibt man sich Mühe, dass Ausländer, die in der Schweiz leben und arbeiten, schnell Anschluss finden. Ein Augenschein.
Mit verschiedene Anlässen sollen die Expats besser integriert werden. (Symbolbild)
© Getty Images

Weltweit wurden kürzlich in 59 Ländern Expats (siehe unten) rund ums Thema Lebensqualität, Arbeitsleben und Finanzen befragt. Die Schweiz schneidet – wie auch die Jahre davor – eher mittelmässig ab und landet auf dem 30. Platz (PilatusToday berichtete). Kritisiert wurden von den Expats vor allem die hohen Lebenskosten. Auch sei es schwierig, in der Schweiz Freunde zu finden. Entsprechend kritisch sehen die Expats die Eingewöhnung im Gastland Schweiz nach ihrer Ankunft.

In der Zentralschweiz sind vor allem Nidwalden und Luzern als Wohnort für Expats beliebt. Die meisten leben aber im Kanton Zug. Dies ist in erster Linie den internationalen Firmen, aber auch dem tiefen Steuerfuss geschuldet.

Einer der berühmtesten Expats ist Kimi Räikkönen. Der finnische Formel-1-Rennfahrer hat sich mit seiner Familie in Baar niedergelassen. Ihn trifft man immer wieder im EVZ-Stadion oder den lokalen Restaurants an. In einem Interview mit der «NZZ» im Oktober 2019 sagte der Fahrer von Alfa-Sauber: «Ich fühle mich als Schweizer, denn hier ist mein Zuhause, hier fühle ich mich wohl.» Mit den Wäldern, den Feldern und den Seen erinnere ihn die Schweiz an seine Heimat Finnland.

137 Nationen leben und arbeiten in Zug

Der Kanton Zug stellt für Expats auf ihrer Website den Expat-Guide zur Verfügung. Dabei handelt es sich um einen Wegweiser, mit dem Einwanderer nicht nur ihre Rechte und Pflichten, sondern auch die Schweizer Gepflogenheiten kennenlernen sollen.

Um weitere Informationen zu erhalten, können sich die Einwohner und Arbeitnehmer im Kanton Zug an die Fachstelle Migration Zug wenden. Diese bemüht sich, alle Expats und anderen Einwanderer willkommen zu heissen. Auf der neunsprachigen Website finden sich Beratungs- und Informationsanlässe zu diversen Themen. Wie die stellvertretende Leiterin Brigitte Greif sagt, sei es unumgänglich für eine gelungene Integration, dass sich die zugezogenen Personen am Gemeindeleben beteiligen und Kontakte knüpfen.

«Zu diesem Zweck organisieren wir regelmässig Anlässe und Infoabende.» Am Infoabend «Grüezi Switzerland» wird beispielsweise ein «Crashkurs in Swissness» organisiert, um über Schweizer Eigenheiten und Gepflogenheiten zu informieren. Im sogenannten «Host-Programm» werden Einwanderer mit Einheimischen «verkuppelt». «Die beiden Parteien treffen sich bis zu drei Mal und im Idealfall entsteht eine Freundschaft», so Greif.

Eine Besonderheit in Sachen Integration findet man auf der Website zug4you.ch. Eine Newsplattform namens «The Zug Post» liefert aktuelle Nachrichten von lokalen Medien und übersetzt diese in Englisch. Ziel sei es, dass auch Expats die Möglichkeit haben sich über das lokale Geschehen zu informieren.

Rückmeldungen in Hergiswil sind positiv

Im Kanton Nidwalden findet zwar die Anmeldung über den Kanton statt. Die Integration der Expats liegt aber in der Zuständigkeit der jeweiligen Gemeinden. Tonja Gander, Abteilungsleiterin Soziales der Gemeinde Hergiswil, sagt auf Anfrage von PilatusToday und Tele 1, dass sich relativ viele ausländische Staatsangehörige in Hergiswil niederlassen. Gemäss der Einwohnerstatistik von 2020 sind über 21 Prozent aller Hergiswiler Ausländer. Dabei wird jedoch nicht festgehalten, bei wie vielen es sich um Expats handelt.

Die Gemeinde Hergiswil organisiert für Familien mit Kindern ein Informationsgespräch, um zum Beispiel über Kinderbetreuung und Schulbildung aufzuklären. Bis vor Kurzem wurde dieses Gespräch auch für Einzelpersonen ohne Kinder angeboten, doch die Nachfrage fehlte.

Um die Zugezogenen besser zu integrieren, organisiert die Gemeinde einen jährlichen Neuzuzüger-Anlass. Ziel sei es, untereinander und mit der Gemeinde Kontakte zu knüpfen. «Wir bieten in der Gemeinde auch ein grosses Freizeitangebot in Form von Vereinen. Interessierte haben die Möglichkeit, sich so ins Gemeindeleben zu integrieren.» Wie Gander weiter sagt, seien die Rückmeldungen der Expats grösstenteils positiv. «Sie schwärmen von der Lage und sind dankbar für die offene und unkomplizierte Verwaltung.»

Dass sich Expats in der Schweiz nicht so einfach einleben können, liegt wohl an der typisch schweizerischen Zurückhaltung. Dies bestätigen auch die Fachpersonen. Somit kann Jede und Jeder von uns mithelfen, offen auf Einwanderer zuzugehen und ihnen das Einleben zu erleichtern.

«Schweizer zeigen, dass sie Ausländer, die nicht ‹schweizerisch› genug sind, nicht mögen»

Auf Anfrage bestätigt die Expats-Organisation Internations GmbH, dass die Schweiz im Ranking besonders schlecht abschneidet, wenn es um die Lebenserhaltungskosten und die Eingewöhnung geht. Auf den schlechtesten zehn Plätzen landet die Schweiz unter anderem in den Kategorien «Freundlichkeit gegenüber ausländischen Mitbürgern» (Platz 54) und «Es ist leicht, einheimische Freunde zu finden» (Platz 55).

Eine Grafik stellt dar, wie Expats die Schweiz wahrnehmen.

© internations.org/expat-insider

Ein deutscher Expat, der in Zug lebt, schreibt gegenüber der Internations GmbH: «Am meisten stört mich das Verhalten, welches einige Deutschschweizer an den Tag legen. Sie zeigen deutlich, dass sie Deutsche oder generell Ausländer, die nicht ‹schweizerisch› genug sind, nicht mögen.»

Eine Studienteilnehmerin aus den USA, die in Lausanne lebt, sieht das ähnlich: "Mir fällt es schwer, Einheimische kennenzulernen oder mit ihnen Freundschaft zu schliessen. Es ist viel einfacher, andere Expats – meistens aus dem EU-Ausland – zu treffen.»

(wna)

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 30. Mai 2021 21:00
aktualisiert: 30. Mai 2021 16:38