Hochsensibilität

Betroffene erzählt: «Das erste Mal im Leben fühle ich mich verstanden»

Chantal Herger, 4. Juni 2022, 19:02 Uhr
Zu laut, zu grell, zu viele Gerüche: Manchmal wird uns alles zu viel. Doch wie fühlt es sich an, wenn man die Welt rundherum mit allen fünf Sinnen intensiver wahrnimmt? Wir haben Tanja Mächler getroffen, sie ist hochsensibel.

Quelle: PilatusToday/Chantal Herger

Wir treffen uns für ein Gespräch am Zugersee. Eigentlich habe ich ein Café vorgeschlagen. Nachdem ich mich ins Thema eingelesen habe, verstehe ich, warum Tanja Mächler einen ruhigeren Ort vorgeschlagen hat.

Um eine Vorstellung davon zu erhalten, wie sich Hochsensibilität ausdrückt: Beschreiben Sie, wie Sie die Situation gerade wahrnehmen?

Ich höre die Vögel sehr intensiv zwitschern, ich höre im Hintergrund die Lastwagen und Autos. Ich sehe viele Menschen, die einen wirken nachdenklich, die anderen aufgestellt. Ich sehe den See, den Wald und die Wasserfontäne.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie hochsensibel sind?

Es war eine lange Reise. Ich erlebte mehrere Krisen, unter anderem hatte ich auch ein Burnout vor mehreren Jahren. Damals wollte ich noch nicht genau hinschauen. Vor drei Jahren dann, als ich das Nachdiplom auf dem Notfall gemacht habe, steuerte ich wieder auf eine Krise zu, weil der Arbeitsalltag auf dem Notfall sehr hektisch und intensiv ist. Dann hat mir eine Arbeitskollegin meiner Mutter ein Buch in die Hand gedrückt, obwohl sie mich gar nicht kannte und sagte: «Lies mal dieses Buch.» Ich habe es gelesen und kann mich sehr gut an diesen Moment erinnern: Ich sass auf dem Sofa und mir sind Tränen gekommen, weil ich mich das erste Mal im Leben verstanden gefühlt habe. Endlich jemand, der weiss, wie es in mir drin aussieht.

Wir wirkt sich die Hochsensibilität bei Ihnen auf Ihren Alltag aus?

Ich habe gemerkt, dass ich schneller überreizt bin, dass ich ein gutes Zeitmanagement benötige. Früher hatte ich drei Monate im Voraus alles verplant. Ich war an mindestens fünf Abenden der Woche verplant. Wenn ich jetzt daran zurückdenke, bekomme ich Schreikrämpfe – ich würde dies nicht mehr aushalten. Es hatte seine Gründe, wieso ich immer an den gleichen Punkt gekommen bin. Weil ich nicht auf mich gehört und zu mir geschaut habe.

Für gewisse Situationen habe ich mir nun gewisse Strategien zurechtgelegt. Wäre ich früher zwölf Stunden beispielsweise an der Fasnacht gewesen, gehe ich heute nach fünf Stunden, wenn ich nicht mehr kann, nach Hause.

Was ertragen Sie gar nicht?

Grelle Töne, das ist für mich etwas vom Schlimmsten – beispielsweise wenn ich an einer Baustelle vorbeilaufe, dann muss ich wirklich flüchten. Ansonsten lernt man, damit umzugehen.

So fühlt sich für Tanja Mächler als Hochsensible ein Fest an

Wie hat Ihr Umfeld auf Ihre Hochsensibilität reagiert?

Unterschiedlich. Einige haben damit angefangen, sich mit dem Thema zu beschäftigen, andere haben zuerst nicht wirklich darauf reagiert und erst ein oder zwei Jahre später begonnen, darüber zu lesen und sich zu informieren. Spannend ist, dass viele aus meinem Umfeld dann selbst Aha-Erlebnisse hatten und gemerkt haben, dass Hochsensibilität auch sie selbst betrifft. Und haben sich dann auch intensiver damit auseinandergesetzt.

Warum ist es schwierig, Hochsensibilität zu erkennen?

Am Beispiel ADHS aufgezeigt: Das ist eine Krankheit und wird von Medizinerinnen und Medizinern diagnostiziert, Hochsensibilität nicht. Wenn sich Personen aber mit dem Thema auseinandersetzen und sich informieren, dann merken sie anhand der typischen Merkmale, ob sie hochsensibel sind oder nicht.

Wenn hochsensible Personen merken, dass ihnen gewisse Dinge zu viel werden, werden sie oftmals vom Umfeld als schwach dargestellt. Es fallen dann Sätze wie «Reiss dich zusammen» oder «Sei doch nicht so empfindlich». Was macht das mit Ihnen?

Jetzt nichts mehr. Ich bin an einem anderen Punkt im Leben, aber früher hat es mich getroffen. Und weil du als Hochsensible alles hinterfragst und dir Gedanken darüber machst, habe ich mir dann über solche Aussagen den Kopf zerbrochen. Mittlerweile weiss ich auch, dass Normalsensible dies nicht nachvollziehen können.

Tanja Mächler ist 34 Jahre alt und lebt in Lachen SZ. Sie ist gelernte Pflegefachfrau und hat zuletzt als Dipl. Expertin Notfallpflege in der Stadt Zürich gearbeitet. Nun hat sie sich selbstständig gemacht und der Wissensvermittlung rund um das Thema Hochsensibilität verschrieben.

© zVg

Umso wichtiger ist das gegenseitige Verständnis. Dafür machen Sie sich stark und veranstalten auch Infoabende. Was treibt Sie an?

Mein Ziel ist es, dass Hochsensibilität einen Platz in der Gesellschaft erhält. Und dass es als Stärke und nicht als psychische Krankheit angesehen wird. Sobald Normalsensible wissen oder sich wenigstens ein bisschen vorstellen können, wie es einer hochsensiblen Person ergeht, ist auch das Verständnis da.

Wir müssen das Gespräch unterbrechen. Einige Stadtarbeiter mähen den Rasen rund um unser Bänkli. Es ist wahnsinnig laut. Ich kann nur erahnen, wie sich die Situation für Tanja Mächler anfühlt.

Sie haben in der Notfallpflege gearbeitet und Situationen erlebt, in denen Patientinnen und Patienten in Psychiatrien «abgeschoben» wurden, die Ihrer Meinung nach gar nicht dort hingehörten. Was muss sich da verändern?

Hochsensibilität darf kein Tabuthema mehr sein. Ich habe viele Menschen erlebt, die in Psychiatrien gelandet sind, obwohl sie gar nicht dorthin gehören – weil sie nicht wissen, dass sie hochsensibel sind. Je mehr Leute ich mit dem Thema erreichen kann, desto weniger werden dadurch in den Psychiatrien landen. Weil sie im Vorhinein schon wissen, warum sie so sind, wie sie sind. Wichtig ist auch, dass Ärzte und Ärztinnen mit dem Thema vertraut werden.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 4. Juni 2022 18:45
aktualisiert: 4. Juni 2022 19:02
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