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Unfallstatistik

Sind Senioren wirklich für die meisten E-Bike-Unfälle verantwortlich?

Chantal Gisler, 11. Mai 2021, 17:38 Uhr
Die Zahl der schweren Unfälle bei E-Bike-Fahrern ist im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. (Symbolbild)
© Keystone
Seit Jahren steigt die Zahl der Unfälle mit E-Bikes. Aber wer verursacht sie? Und was sind die Ursachen für die Unfälle in der Zentralschweiz? Statistisch gesehen sind es eher ältere Personen, die häufiger Unfälle mit E-Bikes verursachen. Es gibt aber einen Ausnahmekanton.

Jede Woche erhalten wir in der Redaktion Unfallmitteilungen der Polizei. Uns fällt auf: Es sind immer mehr E-Bikes darunter. Logisch, denn das motorisierte Velo wird immer beliebter. Aber ist das nur ein Gefühl oder stimmt das auch mit den Unfallzahlen überein? Wer verursacht die meisten Unfälle? Wie kommt es dazu? Und: Kann man sie verhindern? Wir suchen Antworten.

In der Schweiz gibt es immer mehr E-Bikes. Das zeigt sich in den Zahlen des Bundesamts für Strassen (Astra). Auch der TCS Luzern stellt fest: Während der Pandemie sind E-Bikes noch beliebter geworden. 171'000 E-Bikes wurden im letzten Jahr verkauft – rund 40'000 mehr als 2019. Mehr als jedes dritte Velo in der Schweiz hat also einen Motor.

Diese Entwicklung widerspiegelt sich auch in den Unfallzahlen: 521 Schwerverletzte und 15 tote E-Bike-Fahrer gab es allein im letzten Jahr. Pro Woche sind es durchschnittlich zehn Schwerverletzte. Im Vergleich zu den fünf Jahren davor hat sich die Zahl der schweren Unfälle im letzten Jahr verdoppelt. Diese Zahlen gelten schweizweit.

Vor allem ältere Personen

Auch in der Zentralschweiz kann man das beobachten. Vor allem im Kanton Luzern. Hier sind  die Unfallzahlen seit 2011 ständig gestiegen. Das zeigen die Zahlen der Statistik Luzern Lustat. 2019 gab es 81 Unfälle mit E-Bikes. Die Zahlen fürs letzte Jahr sind noch nicht veröffentlicht worden. «In den letzten fünf Jahren betrug die Zunahme (der Unfälle mit E-Bikes, Anm. d. R.) 72,3 Prozent», schreibt das Lustat. «Zwischen 2015 und 2019 nahm die Zahl der registrierten E-Bikes, die Motorfahrrad-Kontrollschilder benötigen, im Kanton Luzern um 72,8 Prozent zu.»

In den Kantonen Schwyz und Nidwalden sieht es ähnlich aus: Im letzten Jahr kam es in beiden Kantonen zu mehr Unfällen mit E-Bikes. Die meisten werden von den Fahrern verursacht, oft gibt es Verletzte. Auffällig: Die meisten Unfälle werden von 45 bis 64-Jährigen verursacht. «Im Jahr 2020 waren von den 14 E-Bike-Lenkenden als Hauptverursacher 8 Personen über 65-jährig», erklärt Marco Niederberger, Leiter der Nidwalder Verkehrs- und Sicherheitspolizei.

Im Kanton Uri haben sich die Unfallzahlen mit E-Bikes von 2019 auf 2020 mehr als verdoppelt. Vor zwei Jahren verunfallten noch sechs Personen, im letzten Jahr waren es schon 15 Personen. Über die Altersgruppen bei E-Bike-Unfällen führt die Kantonspolizei Uri keine Statistik. «Es lässt sich jedoch eine Tendenz von E-Bike-Unfällen mit ‹älteren Personen› feststellen», heisst es von der Urner Medienstelle. «Um dieser Tendenz entgegenzuwirken, führt die Kantonspolizei Uri zusammen mit der Pro Senectute als präventive Massnahme jährlich ein E-Bike Fahrsicherheitstraining für Seniorinnen und Senioren durch.»

Ausnahmen sind Zug und Obwalden

Ganz anders sieht es im Kanton Obwalden aus. Mediensprecher Silvan Stucki erklärt: «Bezüglich den E-Bikes verzeichnen wir in Obwalden keinen Anstieg der Unfälle in dieser Kategorie.»

In Zug ist die Situation ähnlich. Frank Kleiner, Mediensprecher der Zuger Polizei, sagt: «Die Unfälle bei Personen ab 65 Jahren sind nicht gestiegen. Es sind eher die Unfälle bei Personen zwischen 45 bis 64 Jahren, die mehr geworden sind.» Eine positive Entwicklung gibt es aber: Von 2019 auf 2020 verzeichnete die Polizei einen Rückgang bei E-Bike-Unfällen.

Sich an das E-Bike gewöhnen

Aber woran liegt es, dass vor allem ältere Personen mit dem E-Bike Mühe zu haben scheinen? Liegt es an den hohen Geschwindigkeiten, die man auf dem E-Bike erreichen kann? Oder gibt es in der Schweiz zu wenig sichere Radwege?

Ganz genau kann uns das niemand erklären. Aber es gibt Ansätze. Marco Niederberger, Leiter der Nidwalder Verkehrs- und Sicherheitsdirektion sagt: «Wir vermuten, dass die Personen schon längere Zeit nicht mehr Fahrrad gefahren sind und die Fahrpraxis darunter gelitten hat. Viele ‹ältere› Personen sind dank dem E-Bike nun aber wieder vermehrt auf dem Zweirad unterwegs.»

Und ein E-Bike ist eben auch Gewöhnungssache. «Aus diesem Grund empfiehlt es sich, vor oder direkt nach dem Kauf eines E-Bikes, sich zuerst mit dem neuen ‹Gefährt› vertraut zu machen und allenfalls einen Fahrkurs zu besuchen oder auf einem abgesperrten Gelände zu üben», ergänzt Niederberger.

Genau hier setzt auch der TCS Luzern an. Dem Verein sind die hohen Unfallzahlen schon länger aufgefallen, sagt Geschäftsführer Alexander Stadelmann. «Die TCS-Sektion hat auf diese erschreckenden Zahlen reagiert. Dies mit einem spezifischen Kursangebot für E-Bike-Fahrer.» Er erklärt das Angebot: «In einem Einsteigerkurs, bestehend aus Theorie und Praxis, wird das sichere Fahren mit dem E-Bike durch einen ausgewiesenen Fachspezialisten vermittelt.»

Andere Länder, andere Regeln

Übrigens: Auch andere Länder verzeichnen hohe Unfallzahlen mit E-Bikes. In europäischen Ländern wie Belgien, Österreich oder Italien muss man einen Motorradhelm anziehen, wenn das E-Bike schneller als 25 km/h fahren kann.

Deutschland geht noch einen Schritt weiter: Ab 20 km/h muss man eine Mofa-Prüfbescheinigung vorweisen. Singapur stellt die Hürden noch höher: Wer hier E-Bike fahren will, muss eine schriftliche Prüfung ablegen. Das berichtet der Fernsehsender NewAsiaChannel.

Chantal Gisler
Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 11. Mai 2021 17:33
aktualisiert: 11. Mai 2021 17:38