Doppelmord Erstfeld

Täter nach 13 Jahren nicht gefasst. «Es ist nicht wie im Krimi»

Caspar van de Ven, 7. August 2020, 15:40 Uhr
Trauerkerzen vor der Taverne in Erstfeld
© Luzerner Zeitung / Sven Aregger
Am 4. Mai 2007 sind in Erstfeld im Kanton Uri zwei Männer ermordet worden. Der mutmassliche Täter Ali Sebti wird seither gesucht. Wo der Mann sein könnte und ob er überhaupt noch lebt – Fragen, welche die Urner Behörden noch heute beschäftigen.

Freitag, 4. Mai 2007, kurz vor Mitternacht

Ali Sebti betritt die Bar des Hotels Hof in Erstfeld. Der 40-Jährige wohnt zu diesem Zeitpunkt seit einem halben Jahr in einer Wohnung für Asylbewerber nebenan. Nachdem er Gäste der Bar beschimpft, wird er rausgeworfen. Wenig später verlassen auch die drei Freunde Alfons A., Martin A. und Jonny Z. die «Hof-Bar» und ziehen weiter in die «Taverne».

Samstag, 5. Mai 2007, ca. 01:30 Uhr

Dort taucht auch Ali Sebti wieder auf. Anfangs ist die Stimmung gut. Bis zum Zeitpunkt als Ali Sebti aufsteht, in seine Wohnung geht und ein 21 Zentimeter langes Messer holt. Bei seiner Rückkehr sind nur noch die drei Freunde, ein paar Tänzerinnen und Wirt Ignaz Walker anwesend.

Samstag, 5. Mai 2007, ca. 03:30 Uhr

Jetzt geht alles sehr schnell: Sebti zieht sein Messer und sticht auf Martin A. und Alfons A. ein. Er versucht es auch bei Jonny Z. Doch der berüchtigte Wirt Ignaz Walker reagiert: Er sprüht Sebti Pfefferspray ins Gesicht, kriegt dabei aber Stiche ab. Die Aktion gelingt: Sebti verlässt die Bar.

Trauerkerzen vor dem Eingang der Bar «Taverne»

© Luzerner Zeitung / Sven Aregger

Der schnelle aber brutale Angriff bleibt nicht ohne Folgen: Martin A. und Alfons A. sind bereits tot, Jonny Z. schwer verletzt. Walker kommt mit leichten Verletzungen davon. An einer späteren Medienkonferenz sagt der damalige Polizeikommandant Reto Habermacher: «Der mutmassliche Täter hat die Opfer richtiggehend abgeschlachtet.»

Freitag, 7. August 2020

Heute – über 13 Jahre später – fehlt vom mutmasslichen Täter noch immer jede Spur. «Ob Sebti einfach clever ist, eine neue Identität angenommen hat oder inzwischen gestorben ist, wissen wir nicht», sagt der Urner Oberstaatsanwalt Thomas Imholz auf Anfrage von PilatusToday und Tele 1. Sebti sei seit Jahren international zur Fahndung ausgeschrieben. Sollte er irgendwo auf der Welt straffällig werden, würden ihn die örtlichen Behörden sofort festnehmen.

Seit 2007 fehlt von Ali Sebti jede Spur.
© Luzerner Zeitung

«Es ist nicht wie im Krimi» 

Für Imholz ist der Fall aus dem Jahr 2007 ein besonderer Fall. «Es war mein erstes Tötungsdelikt. Ein mehrfaches Tötungsdelikt, dass national zu reden gab.» Was für den Urner Oberstaatsanwalt besonders bitter ist: Sebti wurde nur einen Tag nach der Tat in Deutschland bei einem Ladendiebstahl festgenommen. Dort wurden sogar die Fingerabdrücke abgenommen. Weil die Fingerabdrücke der Urner Polizei aber noch in Bern verifiziert werden mussten, fehlten den deutschen Kollegen die Unterlagen. Sie liessen Sebti wieder laufen – wohl nur wenige Stunden bevor das System Alarm geschlagen hätte. «Es ist halt nicht wie im Krimi, dass alle Daten gleich weltweit zur Verfügung stehen», so Imholz weiter.

Trauergäste an der Beerdigung von Martin A. in Erstfeld.
© Luzerner Zeitung / Sven Aregger

Fahndung dauert noch bis 2037

Solange der Doppelmörder von Erstfeld nicht geschnappt ist, geht die Suche nach ihm weiter. Da die Verfolgungsverjährung bei mehrfachem Mord 30 Jahre beträgt, wird Sebti auch international noch bis im Jahr 2037 zur Verhaftung ausgeschrieben. Doch dürften die Chancen, dass er geschnappt wird, immer kleiner werden. Er gebe aber nicht auf, so Imholz: «Ob Mord oder nicht, ich möchte jeden Fall abschliessen. Nicht nur wegen dem Täter, sondern auch wegen den Angehörigen der Opfer.»

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 6. August 2020 21:37
aktualisiert: 7. August 2020 15:40