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20 Jahre nach Zuger Attentat

«Dachte nicht an die Schlagzeilen» – wie ein Journalist das Attentat erlebte

Tobias Hotz, 27. September 2021, 08:33 Uhr
Am Montag jährt sich das Attentat im Zuger Regierungsgebäude zum 20. Mal. In unserer Serie stellen wir vier Menschen mit einem speziellen Bezug zum Attentat vor. Dominik Hertach sass als Journalist im Saal. Ein Blick auf die Berichterstattung von damals und eine Erkenntnis, die ihn bis heute prägt.
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Quelle: Tele 1

Direkt vor Ort zu sein, im Moment, in dem die Schlagzeile geschrieben wird. Für Journalisten klingt das wie ein Traum. An manchen Tagen wird genau diese Situation aber zu einem Albtraum. Am 27. September 2001 sitzt Dominik Hertach als Berichterstatter für die Schweizerische Depeschenagentur im Saal des Zuger Kantonsparlaments als plötzlich Schüsse fallen. 14 Politikerinnen und Politiker werden ermordet. 18 Personen zum Teil schwer verletzt. Dominik Hertach überlebt die Tat unverletzt. So zufällig sein Überleben ist, so zufällig ist auch seine Anwesenheit im Saal an diesem sonnigen Donnerstagmorgen. «Ein Kollege fragte mich am Vortag, ob ich ihn vertreten könne.»

Wenige Momente nach der Tat war Hertach noch immer in seiner Rolle als Journalist. Im Kopf hatte er nicht die reisserische Schlagzeile, sondern seine Pflicht zur Berichterstattung. «Ich ging aus dem Saal und direkt ins nächste Büro und habe die Schweizerische Depeschenagentur angerufen.» Diese soll eine Eilmeldung herausgeben. Das sei kein bewusster Entscheid gewesen, sondern ein Funktionieren unter Schock. «Ich dachte nicht: Toll, jetzt habe ich super Schlagzeilen.»

«Und immer wieder frage ich mich: Warum?» 

Der Luzerner beschränkte sich in den Tagen nach dem Attentat auf einige wenige Artikel, in denen er aus persönlicher Sicht die Zeit nach dem Attentat schildert. «Man muss eine solche Tat auch verarbeiten. Das machte ich nicht, indem ich möglichst viel in den Medien schrieb.» Eine Woche nach der Tat beschreibt Hertach die Bilder, die ihn begleiten. Explizit wird er dabei nie. «Das war ein bewusster Entscheid. Das ist nicht nötig, um zu begreifen, was passiert ist.» Umgetrieben hat ihn auch die Frage, wie es zu einer solchen Tat kommen kann. «Eine Antwort habe ich selbstverständlich bis heute nicht gefunden.» Obwohl er mit dem Attentat emotional abgeschlossen habe, beschäftigt ihn diese Frage in der jetzigen Zeit wieder mehr. «Gerade im Rahmen der Corona-Diskussionen findet eine Zuspitzung statt. Man geht rauer miteinander um.» Dies sei ein gefährlicher Nährboden.

In einem seiner wenigen Artikel zum Zuger Attentat stellte Dominik Hertach die grosse Frage nach dem «Warum».

© Zuger Presse vom 2. Oktober 2001

Ein Bild, das um die Welt geht

Hunderte von Zeitungsseiten wurden nach dem Attentat gefüllt. Es wurde über die Tat, die Opfer, den Täter und auch mögliche politische Konsequenzen geschrieben. Wurden dabei die richtigen Prioritäten gesetzt? «Die Berichterstattung war mehrheitlich gut und angemessen», findet Hertach rückblickend. Doch habe es auch Grenzüberschreitungen geben. So beispielsweise beim Sammelraum für die Angehörigen, in dem sie Informationen über ihre Liebsten erhielten. «Das ist nicht der richtige Ort, um Fernsehbilder zu kreieren und Angehörige nach ihren Gefühlen zu fragen.»

Dominik Hertach sitzt wenige Augenblicke nach dem Attentat auf der Treppe vor dem Zuger Regierungsgebäude. Zahlreiche Zeitungen nutzten das Bild, um die Fassungslosigkeit und den Schock nach dem Attentat darzustellen. Beispielsweise die «Zuger Presse» vom 28. September 2001.

© Zuger Presse vom 28. September 2001

Auch der heutige Familienvater wurde Teil der weltweiten Berichterstattung. Er ist auf einem Bild zu sehen, das wie kein anderes für diesen schwarzen Tag in der Zuger Geschichte steht. «Es zeigt die schreckliche Tat, ohne voyeuristisch zu sein.» Es sei daher ein gutes Bild, um die Tat und die Fassungslosigkeit darüber darzustellen.

Träume jetzt und nicht erst später verwirklichen

Heute arbeitet Dominik Hertach noch in Teilzeit als Journalist. Doch nutzt er seine Zeit heute bewusster, um die eigenen Träume zu leben. «Das Attentat ist eine Erfahrung, die zeigt, dass man von einem Moment auf den nächsten sein Leben verlieren kann.» Dominik Hertach lebt nun seine Träume. Mit seiner Frau betreibt er in Kriens ein Ladencafé und bewirtschaftet eine kleine Olivenfarm in Apulien. Ganz nach der Lehre, die er auch noch nach 20 Jahren aus dem Attentat zieht. «Man soll seine Träume im Jetzt verwirklichen und nicht warten, bis man pensioniert ist. Allenfalls ist man dann längst tot.»

Sendungshinweis

Am Montag, 27. September, zeigt Tele 1 ab 18.30 Uhr stündlich wiederholt eine Spezialsendung mit vier Personen, die einen besonderen Bezug zum Zuger Attentat haben.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 26. September 2021 20:05
aktualisiert: 27. September 2021 08:33