Hilfsgüter aus Baar

«Ich denke jeden Tag an diese Familie»: Eine emotionale Reise an die ukrainische Grenze

Tobias Hotz, 22. März 2022, 19:57 Uhr
Vincenz Huber ist fassungslos über den russischen Angriffskrieg in der Ukraine. Kurzerhand organisiert er einen Hilfstransport. Er füllt seinen 32 Jahre alten Mercedes mit Hygieneartikeln und medizinischen Produkten und macht sich auf an die ukrainische Grenze. Ein Bericht über eine Reise, die Huber nie vergessen wird.

«Ich bin sicher, dass alle Spenden die richtigen Menschen erreichen», schreibt Vincenz Huber per Whatsapp aus der rumänischen Stadt Sighetu Marmatiei. Die Stadt liegt an der rumänisch-ukrainischen Grenze. Fast 1500 Kilometer und eine dreitägige Autofahrt liegen zwischen Baar und der Grenze, die ukrainische Flüchtlinge Schutz suchend überqueren. Vincenz Huber hat diese Strecke mit seinem 32-jährigen Mercedes zurückgelegt.

Diese Strecke legte Vincenz Huber zurück. 1449 Kilometer Zeit für gute Musik und viele Gedanken.

© Google Maps

Vier Tage früher: Es ist Donnerstagabend, der 10. März 2022. Auf dem Parkplatz des Tennis Clubs Baar stapeln sich Windeln, Babybrei und Hygieneartikel. Gerry und Ursula wägen die Kisten und beladen den kleinen Anhänger. Vincenz gibt spürbar nervös und aufgeregt Anweisungen, wie die Kisten idealerweise im grün-weissen Anhänger gestapelt werden. In drei Sprachen steht auf den Kisten, was diese beinhalten. Auf Englisch, Rumänisch und auf Russisch. Die Strichcodes der Artikel sind durchgestrichen und es steht gut leserlich «Not for sale» auf den drei Sorten Babybrei. Damit soll verhindert werden, dass die Hilfsgüter weiterverkauft werden. Das hat Vincenz Huber im Austausch mit der ukrainischen Botschaft erfahren. «Ich habe grossen Respekt vor der Korruption», erklärt Vincenz Huber vor seiner Abreise.

Mit dem durchgestrichenen Strichcode soll verhindert werden, dass die Windeln in den Verkauf gelangen.

© PilatusToday

Ein genaues Ziel hat er nicht im Sinn: «Sicherlich in Rumänien oder Moldawien.» Diese Länder könnten die Flüchtlingswelle finanziell nicht stemmen. «Ich werde irgendwo die Polizei ansprechen und sie fragen: Wo ist ein Lager?» Er denke nicht, dass das Erreichen eines solchen Lagers bei ihm Glücksgefühle auslösen wird. Im Gegenteil: «Ich glaube, ich werde sehr traurig sein.»

Bis in den vergangenen Herbst wirtete der 52-Jährige während elf Jahren im Clubrestaurant des Tennis Clubs Baar. Seine Lehre hatte er als Drogist absolviert. «Es machte mich traurig und liess mich fassungslos zurück», sagt Huber über den Kriegsbeginn. Die Bilder von flüchtenden Frauen und Kinder bewegten ihn schlussendlich zum Handeln. «Da kam der Drogist in mir auf. Hosen und Jacken kann man drei Wochen tragen. Windeln und Tampons sollte man öfters wechseln.»

Tampons, Babybrei und Windeln

Er informierte seine Freunde und Bekannten über sein Vorhaben. «Ich habe medizinische Pakete von befreundeten Drogisten erhalten.» Andere spendeten Huber Geld, mit dem er beispielsweise Windeln einkaufte. Insgesamt sammelte er so rund 1,2 Tonnen Material. Nicht alles davon passte in seinen alten Mercedes. Einen Teil gab er einem anderen Hilfstransport ab.

Auf dem Parkplatz des Tennis Clubs Baar machen Helfer das Material für die Flüchtlinge bereit. 

© PilatusToday

Eine stille Freundschaft

Am frühen Freitagmorgen geht es los in Richtung Osten. Vincenz Huber schildert mir seine Reise per Whatsapp. Über Salzburg fährt er am ersten Tag bis an die ungarische Grenze. Sein Mercedes 260 E Lang, der normalerweise als mobile Bar im Einsatz steht, erhielt durch seinen Garagisten einen Gratisservice. Ein befreundeter Grafiker folierte das Fahrzeug mit mehreren ukrainischen Flaggen. Dadurch spürt er auch während seiner Fahrt viel Solidarität und Unterstützung. «Ein rumänischer LKW-Fahrer überholte mich in einer Steigung und signalisierte mir, dass ich im Windschatten bleiben soll.» Daraus sei eine schweigende, 360 Kilometer andauernde Freundschaft entstanden.

«Wenn es geht, möchte ich nicht mit den Flüchtlingen in Kontakt kommen», sagte Vincenz Huber vor seiner Abfahrt. Eine Hoffnung, die sich in seiner Unterkunft an der Grenze zwischen Ungarn und Rumänien nicht erfüllt. «Es waren sehr tragische Bilder. Es wurde weder geweint noch laut gesprochen. Die Frauen waren bleich wie eine Kühlschranktür», schildert Huber die Begegnung mit rund 25 flüchtenden Frauen und Kindern.

Der 32 Jahre alte Mercedes auf seiner fast 3000 Kilometer langen Reise.

© Vincenz Huber

Mit Polizeieskorte ins Ziel

Am nächsten Morgen geht es weiter in die Richtung, aus der die Flüchtlinge herkamen. Noch immer hat er kein genaues Ziel vor Augen. In der rumänischen Stadt Satu Mare verfährt sich Huber mit seinem zwölf Meter langen Hilfskonvoi im Morgenverkehr. Doch erst dadurch, dass er vom Weg abkommt, findet Vincenz Huber sein Ziel. «Ich gab einem Taxifahrer fünf Euro und bat ihn, dass er mich aus der Stadt führen sollte.»

Der Taxifahrer sagte ihm, dass die Grenzstadt Sighetu Marmatiei der richtige Ort für seine Hilfsgüter sei. Huber macht sich auf in die rund 110 Kilometer entfernte Stadt. Vor Ort spricht er wie geplant einen Polizisten an. «Ich wurde von der rumänischen Polizei bis zum ukrainischen Roten Kreuz eskortiert.» Vincenz Huber hat sein Ziel erreicht. «Es ist ein guter Platz, wo mein Material hinkommt.»

Die rumänische Polizei eskortierte Vincenz Huber zum Hilfslager.

© Vincenz Huber

Material, das benötigt wird

Er sei der erste Ausländer gewesen, der Hilfsgüter in das Lager der rumänischen Stadt brachte. Im Lager sortieren ein Franzose und ein Belgier seit zwei Tagen Kleider. Die beschrifteten und sortierten Kisten mit Hygieneartikeln und medizinischen Produkten von Huber werden hingegen direkt für den Abtransport in die Ukraine bereitgestellt. «Im Lager waren die Helfer sehr froh über meine Vorarbeit.» Es dürfe nicht sein, dass das Hilfsmaterial so viel Arbeit verursache, dass es am Schluss in einer Ecke verrotte.

Nachdem Huber zusammen mit den Helfern vor Ort seinen Mercedes entleert hat, überkommen ihn nicht die erwarteten Emotionen. «Ich war einfach müde und hatte keine Zeit zu trauern.» Emotional wird es auf seiner Rückreise. Auf einer Raststätte in Deutschland spricht ihn eine ukrainische Familie an. Sie bitten ihn um Hilfe. «Ich gab ihnen meinen gesamten Proviant und 50 Euro.» Danach wird er von seinen Emotionen übermannt. «Ich denke jeden Tag an diese Familie.»

Auf diese flüchtende Familie traf Huber auf seiner Rückreise.

© Vincenz Huber

«Ich bin sehr erleichtert, dass mein Plan aufgegangen ist.» Sofort wieder los in Richtung Osten möchte Huber aber nicht. «Sobald in Österreich die Strassen in Richtung Polen führten, war ich gefühlt alleine unterwegs.» Die meisten Hilfstransporte machten sich auf in Richtung Polen. «Man müsse den Hilfsorganisationen, gerade an der polnischen Grenze, Zeit lassen, das viele Material zu sortieren.» Nun solle man sich Gedanken machen, wie man Flüchtlinge, die in die Schweiz kommen, unterstützen kann.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 22. März 2022 11:36
aktualisiert: 22. März 2022 19:57
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