Befreiungsschlag auf der Rigi

Marcel Bieri kann wieder lachen – «Noch ist nicht der ganze Knoten gelöst»

Tobias Hotz, 14. Juli 2022, 08:45 Uhr
Der Zuger Marcel Bieri hat ein von Verletzungen geprägtes Jahr hinter sich. Nach seinem Comeback blieben die erwarteten Resultate aus. Auf der Rigi hat es endlich mit dem Kranzgewinn geklappt. Fürs ESAF stapelt er dennoch tief – zumindest öffentlich.
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Quelle: Tele 1

«Ich bin sonst keiner, der seine Siege lauthals feiert. Doch heute war es wirklich nötig.» Marcel Bieris Worte nach dem Sieg im 6. Gang am Rigi Schwingen machen deutlich: Der Stein, der dem 27-Jährigen von der Brust fiel, war gross. Mit dem Sieg gegen Marco Oettli sicherte er sich den langersehnten Kranz. In der von einer Oberschenkelverletzung geprägten Saison konnte der Edlibacher noch keinen Kranz gewinnen. Resultate, die nicht dem Selbstverständnis des Eidgenossen entsprachen.

Rückblick: Am ESAF 2019 schwingt sich Marcel Bieri mit fünf Siegen in Serie in die Herzen des Zuger Heimpublikums. Drei Eidgenossen legte er auf den Rücken. Erst Matthias Aeschbacher und Samuel Giger beendeten seinen unglaublichen Lauf. Am Ende durfte sich Marcel Bieri punktgleich mit Unspunnensieger Daniel Bösch über seinen ersten Kranz an einem Eidgenössischen freuen.

Am ESAF 2019 hatte Marcel Bieri viel Grund zum Jubeln.

© Keystone / Urs Flüeler

Umgang mit den neuen eigenen Ansprüchen

«Als Nicht-Eidgenosse bist du der Underdog und musst niemandem etwas beweisen»,so Bieri.  Dass seine Gegner nun mit einer anderen Einstellung in die Kämpfe gegen ihn gehen, habe Bieri erst lernen müssen. Viele Gänge Zeit dazu hatte er nicht.

Die Saison 2020 fiel komplett Corona zum Opfer. Im vergangenen Jahr verpasste er einen Grossteil der Saison, weil er sich am Ob- und Nidwaldner Kantonalen das Innenband im linken Knie gerissen hatte. Den Start in diese Saison verpasste er wegen der erwähnten Oberschenkelverletzung. «Dadurch habe ich viele <einfachere> Gänge nicht geschwungen, die wichtig sind, um in den Rhythmus zu kommen.» Gänge, die für Bieri auch wichtig gewesen wären, um zu lernen, wie er mit den eigenen Erwartungen an sich als Eidgenosse umgeht.

Vier Feste ohne Kranz

Nach seinem Comeback am Morgarten Schwingen Anfang Juni folgte eine Woche später auf dem Stoos mit dem Berner Eidgenossen Fabian Staudenmann die erste Härteprüfung. Ein Start quasi von null auf hundert, der gestellt endete. «Für einen Kranz an einem Bergkranzfest muss man voll parat sein.»

Auf dem Stoos musste der Primarlehrer aus Edlibach noch untendurch.

© Keystone / Urs Flüeler

Dies war Marcel Bieri noch nicht. «Ich hatte eine Blockade im Kopf und konnte mein Potenzial nicht voll abrufen.» Trotz guten Gefühls im Training – die Blockade blieb. Es folgten drei weitere Feste ohne Kranzgewinn. Das Rigi Schwingen verkam für Bieri zur letzten Möglichkeit, vor dem ESAF, doch noch einen Kranz zu gewinnen.

Von ganz unten zum Erfolg

Am Sonntag um 10.25 Uhr dachte wohl kaum einer der Zuschauenden auf der Rigi, dass Marcel Bieris Kranzlos-Serie am heutigen Tag enden würde. Steven Moser putzte Marcel Bieri nach dem 2. Gang das Sägemehl vom Rücken. Nach der Niederlage gegen Moser stand Bieri noch ohne Sieg da. Der Kranz damit in weiter Ferne. «Der Druck war weg. Möglicherweise habe ich genau das gebraucht.»

Bieri selbst hatte zu diesem Zeitpunkt den Rigi-Kranz noch nicht aufgegeben. «Ich habe gerechnet und wusste, dass es mit etwas Wettkampfglück doch noch möglich war.» Er sollte recht behalten. Vier perfekte Gänge später konnte sich Bieri über seinen ersten Rigi-Kranz – und noch viel wichtiger – über seinen ersten Saison-Kranz freuen. Bieri bleibt dennoch zurückhaltend, was seine Form anbelangt.

Braucht es, um den Knoten komplett zu lösen, den Kranz am ESAF? Marcel Bieri nennt den ESAF-Kranz als Ziel am Saisonhöhepunkt und relativiert sogleich. «Ich bin mit meiner Saison zufrieden, wenn ich in Pratteln gut schwinge und das Beste heraushole.» Wahrscheinlich eine Antwort, die nicht ganz dem persönlichen Ziel des ehrgeizigen Primarlehrers entspricht, aber hoffentlich hilft, dass dieses Ziel nicht durch Blockaden im Kopf verhindert wird.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 14. Juli 2022 05:48
aktualisiert: 14. Juli 2022 08:45
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