Gendermedizin

«Frauen sind nicht kleine Männer»

Livia Barmettler, 25. Januar 2023, 14:20 Uhr
Frauen und Männer sind unterschiedlich – was total logisch klingt, wird in der Medizin oft zu wenig beachtet. Mit tödlichen Folgen. Tanja Volm beschäftigt sich mit der Gendergap in der Medizin und unterrichtet an der Universität Luzern das Modul «Gendermedizin». Im Interview erklärt sie, warum Zappelphilippinnen und depressive Männer oft unerkannt bleiben und welche Folgen das haben kann.
Tanja Volm ist Gynäkologin und doziert an der Universität Luzern das Modul «Gendermedizin».
© zvg
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Tanja Volm, was ist Gendermedizin?

Tanja Volm: Die Gendermedizin setzt sich dafür ein, dass jeder Mensch, gerade in Bezug auf sein Geschlecht, individuell untersucht wird und dann entschieden wird, was dieser Mensch braucht. Die Tatsache, ob man Mann oder Frau ist, ist entscheidend für das, was man als Medizin bekommt oder auch wie sich eine Krankheit äussert.

Ein konkretes Beispiel?

Tanja Volm: Der Herzinfarkt. Unsere Gesellschaft ist – warum auch immer – der festen Überzeugung, dass der Herzinfarkt eine Männerkrankheit ist. Der berufstätige Mann, der zu wenig schläft, zu viel arbeitet und zu viel raucht. Folglich werden typische Symptome vom männlichen Krankheitsbild abgeleitet: Brustschmerzen, die bis in den linken Arm ausstrahlen.

Erleiden Frauen einen Herzinfarkt, äussert er sich eher durch Bauchschmerzen und allgemeines Unwohlsein. Gerade weil der Fokus aber so stark auf dem männlichen Krankheitsbild liegt, werden Herzinfarkte bei Frauen oft spät entdeckt.

Manchmal gar zu spät?

Tanja Volm: Durchaus. Es lässt sich belegen, dass Frauen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit an einem Herzinfarkt sterben als Männer. Sowohl die Diagnostik wie auch die Therapie ist auf den Mann ausgerichtet. Nebst dem Herzinfarkt ist ein weiteres typisches Beispiel im übrigen ADHS – das «Zappelphilipp-Syndrom» gilt nach wie vor als «Jungskrankheit» und bleibt bei Mädchen sehr oft unerkannt, weil sie nicht mit den typischen Jungs-Symptomen reagieren.

Will Gendermedizin demnach in erster Linie die Frauenmedizin fördern?

Tanja Volm: Nein, Gendermedizin sensibilisiert auf geschlechterspezifische Unterschiede in der Medizin und hilft dem Mann genauso wie der Frau. Wo beim Herzinfarkt die Frauen im Nachteil sind, ist es bei der Depression genau andersrum: Sie gilt in unserer Gesellschaft irrtümlicherweise als Frauenkrankheit, obwohl Männer viermal häufiger depressiv sind als Frauen.

Die fatalen Folgen: Bei Männer bleibt die Depression oft lange, manchmal sogar gar komplett unentdeckt. Sich selber das Leben zu nehmen ist in der Schweiz bei den Männern eine der häufigsten Todesursachen.

Wo muss man ansetzen?

Tanja Volm: Die Problematik ist komplex: Die Medizin ist eine Wissenschaft, die sehr stark dadurch beeinflusst ist, was die Gesellschaft gerade glaubt oder welche sozialen Konstruktionen von Geschlecht gerade vorherrschend sind. Momentan ist das Bild des starken Mannes noch immer sehr verbreitet. So fällt es den Männern schwerer, sich selbst depressive Symptome einzugestehen und einen Arzt aufzusuchen.

Tut er es, so kann es sein, dass der Arzt die Depression nicht diagnostiziert, weil er sich weniger gut mit dem männlichen Krankheitsbild auskennt und die Krankheit unterbewusst mit dem weiblichen Geschlecht assoziiert.

Nebst der Diagnostik ist auch die Therapie stark geschlechterabhängig. Oft werden Medikamente aber nur an männlichen Probanden getestet. Warum?

Tanja Volm: Es ist schwieriger, klinische Studien mit weiblichen Probandinnen durchzuführen. Einerseits aufgrund ihrer hormonellen Schwankungen, andererseits aufgrund möglicher Schwangerschaften. Nichtsdestotrotz ist es wichtig, bei klinischen Studien beide Geschlechter einzubinden, wenn die Therapie für beide Geschlechter eingesetzt werden soll.

In den USA ist seit 1993 gesetzlich festgehalten, dass Frauen in klinischen Studien miteingebunden werden. Inwiefern achten Schweizer Forschende darauf?

Tanja Volm: Es werden kaum noch neue Studien gestartet, ohne dass sich Forschende intensiv damit beschäftigen. Man will sich den Schwierigkeiten stellen und weibliche Probandinnen einbinden.

Genauso tut man dies schilesslich auch bei Kindern: Auch wenn Studien mit Kindern gerade aus ethischen Gründen heikel sind, weil sie sich ja nicht selber dafür entscheiden können, werden sie durchgeführt, weil wir sonst keine Medikamente für Kinder zulassen können. Man muss sich den Schwierigkeiten stellen.

Wenn ich ein Schmerzmittel einnehmen muss, dann nehme ich eine Tablette. Mein Bruder zwei, er ist um einiges schwerer. Unser Geschlecht scheint dabei keinen Unterschied zu machen. Problematisch? 

Tanja Volm: Frauen einfach als kleine Männer anzuschauen ist problematisch, ja. Dieser Fehler wird oft begannen, weil frühere Studien vorwiegend mit Männern gemacht wurden und davon eben auch die Dosierungen abgeleitet wurden je nach Gewicht. Dann hat man das einfach auf die Frauen runtergebrochen.

Frauen verstoffwechseln Medikamente aber anders und je nachdem wirken Medikamente bei ihnen länger oder kürzer. Schaut man nur aufs Gewicht, kann es bei Frauen zu Über- oder Unterdosierungen kommen.

Forschende haben die Thematik also auf dem Schirm, wie sieht's bei den Medizinerinnen und Medizinern aus?

Tanja Volm: Auch hier tut sich was. Die Gendermedizin findet immer mehr auch an den Universitäten Gehör. An der Universität Luzern haben wir vergangenes Semester bei Masterstudierenden zum ersten Mal das obligatorische Modul «Gendermedizin» durchgeführt und die Rückmeldungen der Studierenden waren sehr positiv.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 24. Januar 2023 19:57
aktualisiert: 25. Januar 2023 14:20