Netflix als Arbeitgeber

Unlimitiert Ferien und grenzenlos Spesen ausgeben

Sven Brun, 29. März 2021, 10:14 Uhr
Netflix Hastings
© GettyImages, Ethan Miller
Die Firma Netflix verfolgt eine «No Rules»-Firmenkultur. Keine Regeln, sprich so lange Ferien wie man will, Spesen ausgeben ohne Ende und eine Arbeitszeiterfassung gibt es auch nicht. Ein Traum?

Es klingt wirklich wie ein Traum. Doch bei Netflix ist es Tatsache. Firmengründer und CEO Reed Hastings meint, es gebe nur einen Grundsatz: «act in Netflix’s best interest» – Handle im besten Interesse von Netflix.

Um die Firmenkultur von Netflix verstehen zu können, muss man in die 1990er-Jahre zurückreisen. Hastings gründete mit «Pure Software» sein erstes Unternehmen. Bereits damals predigte er eine «No Rules»-Kultur.

Der Pionier Reed Hastings gründete Netflix nicht nur, er führte das Unternehmen auch zu grossen Erfolgen.

© GettyImages, Ore Huiying

Mit dem Wachstum der Firma kamen jedoch die Schwierigkeiten. Mitarbeiter nutzten die Freiheiten vermehrt grossräumig aus. Hastings fühlte sich gezwungen – gegen seine eigentliche Vision – Regeln einzuführen. Aufgrund der Einschränkungen sind folglich jedoch seine besten Mitarbeiter abgesprungen.

1997 verkaufte Hastings das Unternehmen und gründete mit dem erlangten Kapital Netflix. Bald wurde dieselbe Frage wie bei seiner vorgängigen Firma relevant: «Regeln: Ja oder Nein?» Er entschied sich für letzteres.

Mit Erfolg?

Mit mehr als 200 Millionen Nutzern und einem Umsatz von über 25 Milliarden US-Dollar kann man wohl kaum Gegenteiliges behaupten. Netflix wächst stetig und zählt bald 10'000 Mitarbeiter. Doch wie immer gilt: Nicht alles ist Gold, was glänzt.

Denn Netflix ist eine «Hochleistungsinsel». In diesem Unternehmen arbeiten praktisch nur hoch talentierte und stark leistungsfähige Menschen. Und wer nicht liefert, wird gefeuert. Deutlich mehr als in einem durchschnittlichen amerikanischen Unternehmen.

«Keeper»-Test

Netflix rekrutiert die Besten. Die Garantie, dass auch wirklich nur geeignete Menschen im Unternehmen arbeiten, liefert der sogenannte «Keeper»-Test (keep engl. für behalten). Dabei sollen sich die Manager dauernd fragen:

Falls die Vorgesetzten der Meinung sind, man würde ihn gehen lassen, wird ihm sofort gekündigt. So pflegt Hastings seine «Kultur der Höchstleistungen».

Die Schattenseite

Obwohl gemäss der Plattform «glassdoor» 76 Prozent der Angestellten Netflix als Arbeitsgeber empfehlen würden, gibt es auch eine Schattenseite. Dieser ständige Druck und die Angst, bei zu geringer Leistung arbeitslos zu werden, führt zu vielen Burnouts. Auch die Freiheiten (Ferien, Spesen, Arbeitszeit) werden kaum ausgenutzt.

Regeln schützen Menschen. Wenn keine Regeln gelten, weiss man auch nicht, wann diese überschritten werden. Die «No Rules»-Kultur hat also nicht nur Vorteile. Infolge der geforderten «totalen» Selbstdisziplin, ist die Freiheit dann doch nicht so gross, wie man auf den ersten Blick meinen könnte.

Sven Brun
Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 29. März 2021 10:14
aktualisiert: 29. März 2021 10:14