«Eine Frechheit!»

Wegen Postenschliessungen: Luzerner Polizei hat keine Zeit für Anzeigen

08.07.2022, 18:07 Uhr
· Online seit 08.07.2022, 17:44 Uhr
Bereits vier Mal hat ein Leserreporter versucht, bei der Luzerner Polizei Anzeige zu erstatten – vergeblich. Die Antwort war immer, er soll es später nochmals probieren. Ähnlich geht es offenbar auch anderen Personen. Die Polizei begründet dies mit der Schliessung der Polizeiposten.
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Anfang Juni verkündete die Luzerner Polizei, dass über den Sommer hinweg 22 von 32 Polizeiposten im Kanton vorübergehend geschlossen werden. Begründet wurde dies unter anderem damit, dass sie ansonsten zu wenig Kapazität für zahlreiche Grossveranstaltungen hätten. Viele Einsatzkräfte würden über die Sommermonate an Events im Kanton oder an internationalen Konferenzen in der ganzen Schweiz benötigt.

Quelle: Tele 1

Wenige Wochen nach der Ankündigung scheint es, dass diese Polizeiposten-Schliessungen erste negative Auswirkungen für die Bevölkerung haben. Ein Leserreporter berichtete gegenüber PilatusToday und Tele 1, dass er seit Montag bereits vier Mal versucht habe, auf dem Polizeiposten Hirschengraben in Luzern Anzeige zu erstatten – bisher jedoch ohne Erfolg:

Er sei mit den Worten abgespiesen worden, «die Polizei hätte momentan keine Zeit, meine Anzeige aufzunehmen», sagt der Leserreporter. Gemäss seinen Aussagen handelt es sich um ein «zeitlich dringliches und mittelschweres Delikt», nicht aber um «Mord oder Totschlag». «Ein Vorfall im Rahmen eines Velodiebstahls ist es aber auch nicht», sagt er und fügt an: «Das Delikt hat eine Grössenordnung, dass ich die Anzeige nicht online erfassen kann.» Genauere Angaben zur Art der Anzeige möchte er nicht machen.

Bei seinen vier «Besuchen» am Hirschengraben sei er mehreren Personen begegnet, denen es ähnlich ergangen ist, führt der Leserreporter weiter aus. «Ein Ehepaar möchte beispielsweise seit Tagen eine Anzeige aufgrund eines Kreditkarten-Betrugs in der Höhe von 6000 Franken einreichen.» Doch auch sie seien bei jedem Versuch weggeschickt und auf einen späteren Zeitpunkt vertröstet worden.

Polizei erklärt sich

Auf Anfrage bestätigt die Luzerner Polizei, dass es zu solchen Vorkommnissen kommen kann und Personen auf einen späteren Zeitpunkt vertröstet werden müssen. Dies sei jedoch nicht die Regel. Die Person werde in jedem Fall zuerst angehört, erst dann werde über das Vorgehen entschieden.

«Prioritär behandelt werden am Schalter schwere Delikte im Bereich Vergehen und Verbrechen.» Dies seien beispielsweise Straftaten gegen Leib und Leben, Sexualdelikte oder Vermisstmeldungen. Andere Anzeigensteller müssten, falls alle Polizistinnen und Polizisten besetzt sind, warten oder es später nochmals versuchen, so die Luzerner Polizei. Es gäbe jedoch immer wieder und genügend freie Zeitfenster für die Anzeigestellungen im Kanton.

«Wir bedauern es, wenn Kundinnen und Kunden nicht bedient werden können», schreibt die Luzerner Polizei weiter. Zu Überlastungen sei es vereinzelt auch schon vor den Posten-Schliessungen über den Sommer gekommen. «Das ist kein neues Phänomen.» Die Behörde betont jedoch: «Es handelt sich nicht um Wegweisungen.» Solche dürfe die Polizei in den aktuellen Fällen von Gesetzes wegen nicht aussprechen.

Leserreporter fordert innovative Ideen

Diese Antworten will der Leserreporter jedoch nicht gelten lassen. «Ich finde es eine Frechheit», sagt er enerviert. Es könne nicht sein, dass es für ihn bisher unmöglich sei, in der Stadt Luzern eine Anzeige zu erstatten. «Ich kann nicht einfach zu einer beliebigen Zeit in eine andere Gemeinde gehen und es da versuchen, da ich Vollzeit arbeite.» Die Situation belaste ihn zusehends. «Was passiert, wenn ich meine Anzeige nicht mehr rechtzeitig stellen kann?»

Er fordert von der Polizei neue innovative Möglichkeiten zur Anzeigenstellung. «Es wäre doch eine Möglichkeit, online einen verbindlichen Termin vereinbaren zu können.» Da dies momentan nicht möglich ist, will er es am Samstag ein weiteres Mal versuchen, «hoffentlich zum letzten Mal», schliesst der Leserreporter ab.

(red.)

veröffentlicht: 8. Juli 2022 17:44
aktualisiert: 8. Juli 2022 18:07
Quelle: PilatusToday

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