Gesundheit

Coca-Cola und Co. reduzieren Zucker um 10 Prozent – reicht das?

20.02.2023, 14:30 Uhr
· Online seit 15.02.2023, 17:44 Uhr
Am Dienstag haben zehn Unternehmen die «Erklärung von Mailand» unterzeichnet. Sie verpflichten sich dazu, den Zuckergehalt ihrer Produkte bis 2024 um zehn Prozent zu verringern. Was bezwecken die Firmen? Und wie ordnet das eine Ernährungswissenschaftlerin ein?
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Hast du schon einmal sieben Würfelzucker auf einmal zu dir genommen? Wahrscheinlich schon – wenn du Coca-Cola magst. Denn in einem Glas des braunen Süssgetränks stecken 27 Gramm Zucker, oder eben: sieben Würfelzucker.

Das wird sich nun ändern. Coca-Cola Schweiz hat am Dienstag die «Erklärung von Mailand» unterzeichnet. Damit verpflichten sich die Getränkeherstellerin und neun weitere Unternehmen bis Ende 2024 den Zuckergehalt in ihren Produkten um zehn Prozent zu verringern. Darunter befinden sich vor allem Getränkeherstellerinnen wie Coca-Cola Schweiz und Vivi Kola. Insgesamt haben seit 2015 24 Unternehmen versprochen, ihre Produkte zuckerarmer auszustatten.

So sehr schadet Zuckerkonsum dem Körper

Warum ist Zucker überhaupt so problematisch? «Durch den erhöhten, regelmässigen Zuckerkonsum entstehen Karies, sowie Übergewicht und Diabetes. Das ist wissenschaftlich belegt», sagt Anne Christin Meyer-Gerspach im Gespräch mit der Today-Redaktion. Sie ist Ernährungswissenschaftlerin und Leiterin der Metabolen Forschungsgruppe am St. Claraspital in Basel. «Leider ist dies nur der Anfang. Unter den zehn teuersten Krankheiten in der Schweiz finden sich unter anderem Herz-Kreislauf-Erkrankungen, muskuloskelettale Erkrankungen und Krebsleiden. Diese stehen alle direkt oder indirekt mit dem überhöhten Zuckerkonsum im Zusammenhang», führt Meyer-Gerspach weiter aus.

Coca-Cola will zuckerarme Innovationen auf den Markt bringen

Was hat Coca-Cola und Vivi Kola zur Unterschrift der «Erklärung von Mailand» veranlasst? Coca-Cola Schweiz schreibt, sie hätten bereits seit 2005 den Zuckergehalt in ihrem Produkte-Portfolio um über zehn Prozent reduziert. Das Unternehmen führt gegenüber der Today-Redaktion aus: «Um die neuen Ziele zu erreichen, wird das Unternehmen weitere Innovationen für zuckerfreie, zuckerarme und zuckerreduzierte Getränke auf den Markt bringen.» Dies entspreche den aktuellen Kundentrends.

Vivi Kola will neue Produkte von Beginn an mit weniger Zucker produzieren

«Wir sind uns der Verantwortung bewusst, die Vivi Kola als Getränkeherstellerin hinsichtlich Zucker trägt», sagt Camilo Antezana, Geschäftsführer von Vivi Kola. Das Zürcher Unternehmen wolle mit der Unterzeichnung einen Beitrag dazu leisten, dass der Zucker in Süssgetränken reduziert wird, führt Antezana aus. Sie beobachteten genau wie Coca-Cola einen Trend in Richtung weniger gesüsster Getränke. Antezana erklärt, dass obwohl das klassische Vivi Kola bereits zwölf Prozent weniger Zucker als herkömmliche Colas enthalte, nur noch dieses Produkt über der Reduktionsempfehlung läge. Und daran wolle die Firma arbeiten. Auch die anderen Produkte sollen weiterentwickelt werden, wie der Geschäftsführer erklärt: «Wir werden bestehende Rezepturen überdenken und optimieren und wenn wir neue Produkte entwickeln, diese von Beginn an mit weniger Zucker produzieren.»

«Ich bin nicht der Meinung, dass es ausreicht»

Ist mit der Zuckerreduktion von Coca-Cola, Vivi Kola und Co. nun alle Arbeit getan? «Es ist erfreulich, dass etwas geht. Doch es geht zu wenig weit», sagt Anne Christin Meyer-Gerspach. Es sei grundsätzlich ein guter Ansatz, dass die Mailänder Erklärung erweitert worden sei und man neu auch bei Süssgetränken ansetze. Denn Süssgetränke verfügten über einen sehr hohen Zuckergehalt. Laut dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) stammen «38 Prozent des zugesetzten Zuckers in unserer Ernährung aus Getränken.» Dennoch betont Expertin Anne Christin Meyer-Gerspach: «Ich bin nicht der Meinung, dass es ausreicht.»

Konsumentinnen und Konsumenten könnten sogar noch mehr Zucker konsumieren

Die unterzeichnenden Unternehmen einigen sich darauf, bis 2024 zehn Prozent des Zuckergehaltes in ihren Produkten zu reduzieren. Ist das genug? «Zehn Prozent reichen nicht aus», sagt Meyer-Gerspach. Es sei trotz Reduktion immer noch zu viel Zucker in den Produkten enthalten. Und dieser Zucker sei immer noch schädlich. Sollte das Produkt mit der Information «Zucker-Reduktion» versehen werden, stelle sich die Frage, inwiefern Konsumentinnen und Konsumenten sogar mehr Zucker konsumieren würden. «Wenn auf einem Produkt steht ‹Zehn Prozent weniger Zucker›, greift man vielleicht gleich nochmals zu.» Meyer-Gerspach fügt hinzu: «Man muss im Hinterkopf haben, dass der Zucker nicht weg ist. Kunden werden die Getränke weiter konsumieren und der Zucker wird weiter Krankheiten hervorrufen.»

«Unternehmen müssen sich bewusst sein, was für eine Verantwortung sie haben»

Wenn die Mailänder Erklärung nicht reiche: Was kann denn sonst gegen das Zuckerproblem unternommen werden? Langfristig sei eine Zuckersteuer die Lösung, sagt Meyer-Gerspach. Bis es so weit sei, müsse man die Öffentlichkeit über die gesundheitsschädigenden Auswirkungen des Zuckerkonsums aufklären, erklärt die Expertin weiter. Und: «Unternehmen müssen sich bewusst sein, was für eine Verantwortung sie haben.» Laut der Expertin müsste dringend besser deklariert sein, wo überall Zucker drinsteckt. Denn die Bevölkerung brauche eine Hilfestellung, um sich zu informieren. Zudem wären auch Warnhinweise, wie man sie schon vom Tabak kenne, denkbar.

«Zucker wirkt ähnlich wie eine Droge»

Können wir überhaupt ohne die ungesunde Süsse leben? «Ja, das können wir. Unser Körper braucht keinen Zucker aus der Nahrung. Er ist ein Luxusprodukt und vor allem nicht lebensnotwendig», sagt Meyer-Gerspach. Was aber passiert, wenn wir auf den Zucker verzichten? «Zucker ist eine psychoaktive Substanz, die ähnlich wirkt wie eine Droge», so die Expertin. «So werden beim Konsum zum Beispiel die Dopaminrezeptoren im Belohnungszentrum des Gehirns stimuliert. Das macht natürlich Lust auf mehr.» Ausserdem könne ein Entzug zu Symptomen wie Heisshungerattacken führen. «Die Suchtkomponente erschwert natürlich den Verzicht», erklärt Meyer-Gerspach.

«Man gewöhnt sich wieder an weniger süsse Speisen»

Wie können Konsumentinnen und Konsumenten nun diesem süchtig machenden Lebensmittel entkommen? Süssgetränke massiv reduzieren oder ganz darauf verzichten, sowie frische Zutaten einkaufen und selber kochen, helfe dabei, den Zucker zu reduzieren. «Das Positive ist, dass, wenn man die Süsse in der Nahrung reduziert, man sich wieder an weniger süsse Speisen gewöhnt. Die Geschmacksknospen auf der Zunge gewöhnen sich bei hohem Konsum an die süsse Nahrung und stumpfen ab. Nach einer gewissen Karenzzeit erholen sich die Geschmacksknospen und süsse Speisen werden plötzlich viel süsser empfunden, die Sättigung setzt früher ein und die Einschränkung fällt leichter», sagt die Expertin.

Werden die Ziele der Mailänder Erklärung überhaupt erreicht?

Eine 2021 durchgeführte Standortbestimmung des BLVs ergab, dass der Zuckergehalt in Joghurts seit 2018 um mehr als fünf Prozent und in Müeslis um 13 Prozent reduziert werden konnte. Die Reduktionsziele in Joghurts und Müeslis sollen deshalb bis 2024 erreicht werden. Ob auch Coca-Cola und Vivi Kola die vereinbarten zehn Prozent Zuckerreduktion erreichen werden, wird sich in etwas mehr als einem Jahr zeigen. Ende 2024 präsentiert das BLV die nächsten Zahlen.

veröffentlicht: 15. Februar 2023 17:44
aktualisiert: 20. Februar 2023 14:30
Quelle: Today-Zentralredaktion

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