Trotz tieferen Zahlen

Darum sind Portugal und Polen trotzdem Risikoländer

Mario Trlaja, 12. Dezember 2020, 11:54 Uhr
Ab Montag gilt für Rückkehrer aus Portugal und Polen Quarantänepflicht. Dies, obwohl beide Länder tiefere Fallzahlen aufweisen als die Schweiz. Das BAG beantwortet dazu nicht alle unbequemen Fragen.
Wieso genau Portugal und Polen in den Fokus des BAG gerieten, ist schwierig zu ergründen.
© PilatusToday

Für die Portugiesen und Polen in der Schweiz muss es die schlechteste Nachricht der letzten Wochen gewesen sein. Viele freuten sich, die Weihnachtstage vereint mit den Angehörigen in der Heimat zu verbringen. Am Freitag der Schock: Beide Länder wurden auf die Liste der Risikoländer gesetzt. Ab 14. Dezember keine Rückreise ohne Quarantäne.

«Ungerechtigkeit, Rassismus oder fehlender Respekt?», fragt ein Facebook-Post, der in der portugiesischen Community die Runde macht. «Sind wir hier nur Arbeitsmaschinen oder nur hier, um zahlen zu müssen?», heisst es übersetzt.

Auf Wut folgt Unverständnis und Skepsis. Viele fragen sich, wieso die beiden Länder entgegen der BAG-Kriterien auf der Liste gelandet sind. Diese besagen, dass «ein erhöhtes Ansteckungsrisiko vor[liegt], wenn die Zahl der Neuinfektionen pro 100'000 Personen im betreffenden Staat oder Gebiet in den letzten 14 Tagen mehr als 60 höher ist als in der Schweiz.»

Corona-Problemkind Schweden bis heute nicht auf der Liste

Ein Blick auf die Länderübersicht des «SRF» zeigt: das Unverständnis ist nicht unbegründet. Die Schweiz weist am 4. Dezember eine 14-Tage Inzidenz von 634 Coronafällen pro 100'000 Einwohner auf. In Portugal sind es 629 Fälle, in Polen 610. Brisant: Schweden, das mit 683 Fällen pro 100'000 Einwohner kämpft, landet nicht auf der Risikoliste. Wie kann das sein?

Vorsorge-Sperre vor Weihnachten?

30'000 Polen und 260'000 Portugiesen leben in der Schweiz. Nicht die einzige Gemeinsamkeit der Staaten. Beide Länder sind traditionell katholisch. Viele Portugiesen und Polen hatten geplant, das Weihnachtsfest mit Familie im Herkunftsland zu feiern. Will das BAG seine Bürger mit diesen Massnahmen vom Reisen abhalten?

Das BAG arbeitet mit älteren Zahlen

Das BAG arbeite mit Fallzahlen aus dem «European Centre for Disease Prevention and Control ECDC» sagt Jonas Montani, Mediensprecher beim BAG, gegenüber PilatusToday und Tele 1.

Die ECDC Zahlen von Portugal und Polen seien zum Stichtag, der auf den 2. Dezember angesetzt war, höher gewesen und hätten die Risiko-Schwelle überschritten, heisst es weiter. In Schweden sei der Wert am Stichtag unter der Schwelle gelegen. Dass die Fallzahlen im Vergleich zu den Vorwochen in Polen und Portugal schneller am Sinken waren, als in der Schweiz, während sie in Schweden bis heute ansteigen, scheint keine Rolle gespielt zu haben.

Ein Blick auf die tägliche und wöchentliche Liste des ECDC vom 2. Dezember zeigt jedoch: Die 14-Tage Werte lagen auch dann sowohl in Portugal, als auch in Polen unter dem Risikowert «Schweizer Wert plus 60».

Werte am 2. Dezember 2020:

Land Fälle in 14 Tagen pro 100'000 Einwohner
Schweiz 655
Polen 650
Portugal 684
Schweden 669

Auf Anfrage von PilatusToday und Tele 1 reicht das BAG lediglich einen Screenshot nach, auf dem die 14-Tage Inzidenzen in Portugal und Polen bei 704, respektive 676 liegen. Die Schweiz soll am 2. Dezember einen Wert von 602 vorgewiesen haben, sagt das BAG-Foto.

Anhand dieser Zahlen soll die Liste der Risikoländer erweitert worden sein.

© BAG

Woher kommt die Abweichung?

Nach erneutem Nachfragen von PilatusToday folgt die Antwort durch BAG-Pressesprecher Yann Hulmann. Weil die Zahlen am Stichtag teils noch unvollständig seien, werde das Stichdatum um einen Tag vorgezogen, auf den 1. Dezember. Bei den Schweizer Zahlen verlasse man sich auf interne Daten, heisst es weiter. Diese hätten eine 14-Tage Inzidenz von 602 ergeben. Und siehe da, die Zahlen von Portugal und Polen stimmen mit den veröffentlichten BAG-Zahlen überein.

Werte am 1. Dezember 2020:

Land Fälle in 14 Tagen pro 100'000 Einwohner
Schweiz 602 (BAG-intern)
Polen 677
Portugal 704
Schweden 669

Mit einer Ausnahme: Schweden berichtet auch am 1. Dezember eine Inzidenz, die um mehr als 60 höher ausfällt, als die der Schweiz. Folglich hätten auch die Skandinavier auf die Risikoliste gehört. Woher die 493 Fälle pro 100'000 Einwohner aus dem BAG-Foto kommen, war anhand der ECDC-Zahlen nicht nachvollziehbar.

Es bleibt ein fader Beigeschmack

Während in Schweden die Fallzahlen weiterhin steigen, sinken sie seit letzter Woche in den anderen drei Ländern. In Polen und Portugal drei bis sechsmal so schnell wie in der Schweiz.

Hoffnung für diejenigen, die das Weihnachtsfest doch noch mit Eltern und Grosseltern im Ausland verbringen möchten, gibt es trotzdem nicht. Das ungewöhnliche Vorgehen des BAG, die neue Liste erst zehn Tage nach Veröffentlichung in Kraft treten zu lassen, führt dazu, dass die Liste voraussichtlich erst 14 Tage später – nach Weihnachten – aktualisiert wird. Frohe Festtage, «Wesołych Świąt» und «Feliz Natal»!

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 12. Dezember 2020 11:54
aktualisiert: 12. Dezember 2020 11:54
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