Glaube

«Der reinste Horror»: Ehemaliges Mitglied erzählt vom Ausstieg bei den Zeugen Jehovas

27. Juli 2022, 19:05 Uhr
Im Glauben der Zeugen Jehovas gelten viele strenge Regeln. Neben der fast kompletten Isolierung der Aussenwelt machte T. B. noch so einiges weitere zu schaffen, als sie sich für den Austritt aus der Gemeinschaft entschied. Sie erzählt, wie sie sich durch diese schwere Zeit kämpfte.
Die Zeugen Jehovas glauben laut dem Religionsexperten Georg Schmid an den bevorstehenden Weltuntergang.
© Getty

Ein Leben, das sich ausschliesslich um Beten, Gehorsamkeit und Religion dreht. Dies erlebte T. B.*, sie gehörte nämlich den Zeugen Jehovas an, gemäss wissenschaftlichen Berichten eine Sekte. Mittlerweile ist die 58-Jährige, die zu ihrer eigenen Sicherheit im Gespräch anonym bleiben möchte, aus der Gruppierung ausgetreten. Ihre Geschichte, ihre Erfahrungen und Narben aus dieser Zeit bleiben jedoch bis heute bestehen.

Momentan gehören rund 19'000 Personen in der Schweiz den Zeugen Jehovas an. Sie alle glauben daran, dass der Weltuntergang kurz bevor steht, wie Religionsexperte Georg Schmid erklärt. «Bei den Zeugen Jehovas nennt man das Harmagedon», wie der Leiter von Relinfo erklärt. «Alle Feinde Gottes werden dabei vernichtet. Für die Zeugen Jehovas dagegen beginnt ein 1000-jähriges Friedensreich.» Als Diener Gottes müssten sie ihren Glauben an andere weitervermitteln, dies durch ihr Missionieren. Zudem müssten sich Zeugen Jehovas an strikte Regeln halten, wie beispielsweise das Verbot von Transfusionen, kein Sex vor der Ehe sowie den Kontakt zu ehemaligen Zeugen Jehovas meiden, die bereits getauft wurden. Als getauft gilt man, wenn man offiziell in die Gruppierung aufgenommen wurde, was meist im jugendlichen Alter geschieht.

Auch T. B. musste sich an diese Regeln halten. Als Kind durfte sie unter anderem keine Geburtstage und Weihnachtsfeste feiern und wurde dadurch fast komplett von ihren «weltlichen» Gspänli abgegrenzt. «Es war der absolute Horror», so B. Während die anderen Kinder an Geburtstagen Kuchen assen oder über ihre Erlebnisse aus den Ferien berichteten, musste sie im Kindergarten strikt darauf verzichten. B. gehörte seit ihrer Geburt den Zeugen Jehovas an, eine Wahl, zu dieser Glaubensgemeinschaft anzugehören, blieb ihr verwehrt: «Man wird in diese Sekte hineingeboren. Meine Eltern gehörten zu ihnen und auch die Generationen zuvor. Meiner Meinung nach ist es das Schlimmste, das jemandem passieren kann.»

Ihre Erziehung basierte darauf, dass sie ihren Eltern ohne Wenn und Aber gehorcht und ihnen Respekt zollt. Den Kindern wird eingebläut: Wenn man nicht das tut, was den Eltern oder Jehova gefällt, wird man sterben und nicht ins Paradies gelangen. «Dabei gab man sich natürlich Mühe, denn als Kind will man von den Eltern geliebt werden», so B. Doch nicht nur die Verhaltensweisen waren vorgegeben, sondern auch eine strenge Kleiderordnung. «Den Spott der anderen nahm man in Kauf. Wir machten schliesslich alles im Namen von Jehova. Das wurde uns bereits als Kind eingetrichtert.» Nur so werde man vom Harmagedon verschont. «Als Kind hatte ich sehr grosse Angst vor dem Weltuntergang. Ich habe mir ganze Szenarien zusammengewürfelt, wie dieser aussehen könnte.» Beispielsweise riesige, schwere Walzen, welche im bodenlosen, schwarzen Nichts auf B. zurollen und drohen, sie zu erdrücken, wie sie erzählt.

Erst als sie ins Teenageralter kam, wehrte sich B. gegen den Spott ihrer weltlichen Gspänli. «So konnte ich mir ein wenig Respekt bei ihnen verschaffen.» Hinter dem Glauben der Zeugen Jehovas konnte B. aber noch nie stehen. «Mein rebellisches Verhalten gegenüber den Mitschülern habe ich nach einer Zeit auch zu Hause ausgelebt.» So kam es, dass sie später mit einem Mann zusammen kam, der nicht den Zeugen Jehovas angehörte. «Ich habe geschaut, dass ich so schnell wie möglich schwanger werde und den weltlichen Mann heirate. Nur so konnte ich mich von meiner Familie und somit auch von den Zeugen Jehovas lösen.» Schwanger wurde sie dann auch und konnte mit 19 Jahren aus der Glaubensgemeinschaft austreten. «Ich hatte danach jedoch so ein schlechtes Gewissen, da ich meinen Eltern nicht gehorcht habe, dass ich rund zwei Jahre später zurück zu den Jehovas ging.» Damals war sie bereits wieder von ihrem alkoholkranken Mann geschieden. Der endgültige Austritt gelang ihr erst mit über 30 Jahren.

«Ungehorsame Kinder musste man züchtigen»

Da B. bei ihrem endgültigen Austritt mittlerweile eine getaufte Zeugin Jehovas war, musste sich ihre Glaubensgemeinschaft von ihr fern halten und den Kontakt zu ihr abbrechen. «Ich hatte das Glück, dass mein zweiter Ehemann nicht zu den Zeugen Jehovas gehörte. Somit hatte ich wieder bereits einen Fuss in der normalen Welt.» Zudem war B. bereits Mutter von mehreren Kindern. In ihre Erziehung flossen aber negative Verhaltensmuster ihres ehemaligen Glaubens ein, welche sie bis heute bereut: «Während meiner Kindheit wurde ich von meinen Eltern geschlagen. Das habe ich als Mutter auch bei meinen Kindern gemacht. Bis heute bereue ich es, doch damals war es normal, ungehorsame Kinder muss man laut Jehova schliesslich züchtigen.» Ihre Kinder nehmen ihr die Schläge bis heute übel. So kommt es, dass sie mittlerweile den Kontakt zu ihr abgebrochen haben.

Den Austritt der Zeugen Jehovas bereut die heute 58-Jährige bis heute nicht. Geprägt wird sie jedoch weiterhin von dem Druck, um jeden Preis den Eltern und Jehova zu gefallen. «Das Gefühl, nicht zu genügen, egal in welcher Lebenslage oder was man tut, werde ich wohl nie mehr los», so B. Falls man den Schritt aus der Gemeinschaft wage, sei es deshalb wichtig: «Man muss sich professionelle Hilfe suchen. Vor allem, wenn man mit diesem Glauben erzogen wurde, ist es schwer, sich davon zu lösen.» Mittlerweile gibt es neben Facebook-Gruppen und öffentlichen Treffen auch Organisationen, an die man sich als ehemalige Zeugin oder Zeuge Jehovas wenden kann.

Aussteigerin aus Baden erzählt

Auch Tele M1 konnte mit einer Aussteigerin sprechen. Die 66-jährige Tiziana Zeller aus Baden wagte als Teenagerin den Absprung aus der Sekte. Im Rahmen der Aktion «Loslassen» erzählt sie von ihren Erfahrungen und gibt Tipps, wie man den Ausstieg schafft.

Quelle: TeleM1

*Name der Redaktion bekannt

(red.)

Quelle: ArgoviaToday
veröffentlicht: 25. Juli 2022 07:12
aktualisiert: 27. Juli 2022 19:05
Anzeige