Anzeige
«Sturm aufs Bundeshaus»

«Die Gegner machen sich mit solchen Aktionen unglaubwürdig»

18. September 2021, 09:14 Uhr
Spätestens seit dem versuchten «Sturm aufs Bundeshaus» vom Donnerstagabend ist klar: Der Graben zwischen Massnahmen-Befürwortern und jenen, die sie ablehnen, wird immer grösser. Wie finden wir als Gesellschaft wieder zueinander?
Demonstranten schwenken Fahnen hinter einem Zaun vor dem Bundeshaus auf dem Bundesplatz.
© KEYSTONE/PETER KLAUNZER

Wir haben mit Professor Dirk Baier gesprochen. Er unterrichtet an der ZHAW Soziale Arbeit am Institut für Delinquenz und Kriminalprävention.

Herr Baier: Impfgegner stürmen ein Spital im Thurgau, bei einem Wirt verübten sie einen Anschlag auf sein Restaurant und am Donnerstagabend kam es erneut zu Ausschreitungen bei einer Demonstration. Wieso kommt es jüngst zu eskalierenden Konfrontationen zwischen Massnahmen- und Impfgegnern und solchen, welche die Massnahmen befürworten?

Es ist ein Spiel zwischen Aktion und Reaktion. Der Bundesrat beschliesst eine Massnahme, wie jüngst etwa die Zertifikatspflicht und schränkt damit die Freiheit ein. Das bedeutet, dass man sich natürlich erst recht wehren muss. Und das führt auch dazu, dass man drastischer und sichtbarer werden muss. Das schaukelt sich dann in einer Eskalationsspirale hoch. 

Das heisst, dass wir uns jetzt an solche Aktionen gewöhnen müssen und es so schnell auch nicht ruhiger werden wird?

Das kommt darauf an, ob weitere Massnahmen in nächster Zeit nötig werden. Wenn wir die Pandemie nun mit diesen Massnahmen in den Griff bekommen, braucht es keine weiteren Regelungen und dann wird es auch nicht zu weiteren Gewalt-Aktionen kommen. Jede weitere Einschränkung könnte die Stimmung aber weiter anheizen. Ich bin jedoch massvoll optimistisch, dass es ruhiger wird, obwohl man das nach dem Donnerstagabend fast nicht sagen kann. Ich bin optimistisch, dass die getroffenen Massnahmen ausreichen und die Bewegung dann abebben wird.

Weshalb?

Gestern wurde eine rote Linie überschritten. Zu versuchen, das Bundeshaus anzugreifen, das geht gar nicht! Und es macht die Bewegung unglaubwürdig, wenn sie zu so etwas bereit ist. Viele Leute werden sich von der Bewegung abwenden, weil sie damit nicht einverstanden sind. 

Es scheint, die Skeptiker-Bewegung ist in der Schweiz besonders ausgeprägt, wenn man das im internationalen Vergleich sieht. Trügt der Eindruck?

Das täuscht tatsächlich. Auch in anderen Ländern brodelt es. In Deutschland gibt es eine sehr bedeutsame Skeptiker-Szene, die auch immer wieder Demonstrationen organisiert und wo auch Journalisten zum Teil massiv bedroht werden und es Übergriffe gibt. Auch wenn es nicht so einen herausstechenden Anlass gibt wie am Donnerstagabend in Bern, solche Szenen gibt es überall und sie sind aus meiner Sicht sogar noch militanter und gefährlicher als in der Schweiz. Kommt hinzu, dass wir uns in der Schweiz eher eine ruhige Stimmung gewohnt sind, und dass es aussergewöhnlicher ist, wenn es plötzlich so eine unruhige, laute Bewegung gibt.

Laut sind unter anderem die Freiheitstrychler mit ihren Glocken. Anfang Woche sorgte Bundesrat Ueli Maurer für Gesprächsstoff, weil er sich in ihrem Hemd ablichten liess. Was löst so etwas aus?

Die Szene jubelt über so eine symbolische Aktion, sie fühlt sich gestärkt. Es zeigt, dass im Bundesrat keine Einigkeit zu herrschen scheint. Die eigenen kritischen Positionen können ja deshalb gar nicht so falsch sein. Das gibt der Bewegung Rückhalt und Aufwind und ist ein weiterer Auslöser für die Spaltung in der Gesellschaft. Man fühlt sich in seiner kritischen Haltung bestätigt und das ist nicht gut. 

Und wie kann man dieser Spaltung entgegenwirken?

Zurzeit ist das eine schwierige Situation. Wir dürfen die Bewegung nicht stärken reden, als sie ist. Natürlich hat sie jetzt für Aufsehen gesorgt und wir müssen das analysieren, aber am Ende übt nur ein kleiner Teil der Bewegung Gewalt aus. Generell ist es immer gut, Brücken zu schlagen, miteinander zu reden, auch wenn es zum Teil sehr schwer ist. Es braucht einen langen Atem, aber wir sollten nicht aufhören, das Gespräch zu suchen. Wir müssen die Gemeinsamkeiten in den Fokus rücken. Etwa die Unsicherheit darüber, was die Zukunft bringt, das kann man auch teilen. 

Gibt's da Tipps und Tricks, wie man solche Gespräche führen kann, ohne dass man sich gleich an die Gurgel gehen will?

So einfach ist das leider nicht. Sonst würde man das auch in anderen Bereichen anwenden ... Ich finde es wichtig, mit Personen einzeln zu reden. In der Gruppe hat man keinen Zugang. Es ist wichtig, Gemeinsamkeiten zu finden und keine Vorwürfe zu machen. Positionen und Personen als komplett falsch darzustellen, hilft nicht. Es muss versucht werden, eine Sachebene zu finden. Es kann auch helfen, ein Gespräch abzubrechen und einen Tag später wieder fortzuführen. Es braucht einen langen Atem, um jemanden aus einer Überzeugung raus zu holen, die für ihn oder sie Sinn macht.  

(mao)

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 18. September 2021 07:23
aktualisiert: 18. September 2021 09:14