Presseschau

Kommentatoren zeigen Verständnis für verschobene Corona-Lockerungen

20. März 2021, 09:05 Uhr
Presseschau. (Symbolbild)
© Keystone / Christian Beutler
Die Enttäuschung über die verschobene Lockerung der Massnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus sitzt tief. Das widerspiegelt sich auch in den Kommentaren der Schweizer Tageszeitungen. Die Kommentatoren zeigen jedoch aufgrund steigender Fallzahlen Verständnis für die Zurückhaltung des Bundesrates.

«Neue Zürcher Zeitung»:

Der Frühling stehe vor der Tür. Die Lebensfreude erwache. Die alte Normalität sei greifbar nahe. Solange jedenfalls, bis der Bundesrat die Hoffnungen einmal mehr enttäusche, schreibt der Kommentator in der «Neuen Zürcher Zeitung». Mit Blick auf die Fallzahlen erscheine das Vorgehen des Bundesrates nachvollziehbar. Letztlich bleibe vorerst gar nichts anderes übrig, als sich mit dem nervtötenden Stop- and Go-Management abzufinden. Was fehle, sei eine Perspektive, die über das bange Hoffen auf Impfstoff-Lieferungen und das wundersame Absinken der Fallzahlen im Sommer hinausgehe. Man dürfe sich weiterhin über die Corona-Massnahmen aufregen. Besser wäre allerdings, von der guteidgenössischen Zögerlichkeit abzurücken.

«Tages-Anzeiger»:

Die Enttäuschung über die verschobenen Lockerungsmassnahmen und die knisternde Vorfreude auf bessere Zeiten kommen auch beim Kommentator des «Tages-Anzeigers» zum Ausdruck. Die Aufweichung der 5-Personen-Regel im privaten Bereich sei nicht mehr als ein Zückerchen, um der Bevölkerung zu signalisieren, dass sich nicht gar nichts tue. Aber so schmerzhaft es auch sei, die Zurückhaltung des Bundesrates sei richtig. Es gelte, behutsam vorzugehen, bis die Impfkampagne stärkeren Schutz biete. Zwischen April und Juni sollten grosse Mengen des Moderna-Impfstoffes eintreffen. Für diese neue Phase müsse sich die Schweiz jetzt rüsten. Das aktuelle Chaos bei den Impfdaten erschwere die Lancierung eines digitalen Impfpasses.

«Blick»:

Einen Vergleich der Corona-Einschränkungen mit anderen Staaten Europas zieht der «Blick». Zwar sei es verständlich, dass in der Schweizer Bevölkerung Frust und Enttäuschung herrsche. Dabei gehe jedoch vergessen, wie viele Freiheiten die Schweiz im europäischen Vergleich geniesse. Rund um die Schweiz herum herrschten schärfere Corona-Regimes, wie der Oxford Stringency Index zeige. Dieser Index vergleicht die Corona-Massnahmen vieler Länder anhand von 18 Lockdown-Indikatoren wie Schulschliessungen, Reisebeschränkungen und Home-Office-Pflicht. Auf einer Skala von 0 bis 100 liege die Schweiz bei 60,2. Sie sei damit eine Freiheitsinsel in Europa.

«Schweiz am Wochenende»:

Dem Wunsch nach Lockerungen sei der Bundesrat knapp nachgekommen, schreibt die Kommentatorin der «Schweiz am Wochenende». Statt fünf dürften sich ab Montag wieder zehn Personen im privaten Kreis treffen. Ein Quantensprung sei das nicht. Doch Bundesrat Bersets Argument leuchte ein, dass die Lockerung des staatlichen Griffs ins Innerste des Privatlebens eine höhere Priorität geniesse als die Öffnung der Gastronomie. Abgesehen vom Happen, den die Landesregierung dem ausgehungerten Volk damit hinwerfe, tue sich wenig. Und zur Gefahr einer dritten Corona-Welle zitiert das Blatt Berset mit den Worten: «Man kann zweimal den gleichen Fehler machen, aber bitte nicht dreimal». Dem sei nichts hinzuzufügen.

«Südostschweiz»:

Bundesrat Berset habe recht, schreibt der Kommentator der «Südostschweiz». Es sei nicht sinnvoll, genau jetzt Lockerungen zu beschliessen, da das Risiko gross und grösser werde. Je besser die Schweiz in den Frühling starte, desto besser seien die Voraussetzungen für einen erfolgreichen Sommer. Das nütze der Bündner Gastronomie und dem Tourismus jetzt nichts, im Sommer hingegen hoffentlich viel. Aber Berset habe auch unrecht. Er belasse alle Massnahmen, obwohl sich die Lage verschlechtere. Und die Landesregierung hoffe, dass sich möglichst viele impfen liessen mit einem Impfstoff, den die Schweiz gar noch nicht habe. Das sei eine Politik, die nur zuschaue. Das sei wie ein Kaninchen, das sitzen bleibe und darauf hoffe, dass der Fuchs die anderen fresse. Nur seien die schon längst über alle Berge.

«Der Bund»:

Der Teil-Lockdown wegen der Corona-Pandemie schlage zwar weiter aufs Gemüt, beeinträchtige das wirtschaftliche Leben und verursache Leid wie auch Kosten. Dennoch spreche einiges dafür, in Minischritten zu öffnen, schreibt der Chefredaktor der Berner Tageszeitung «Der Bund». Die Geduld dürfte sich auszahlen. So lasse sich Zeit gewinnen dort vorwärts zu machen, wo nachhaltig Abhilfe winke: beim Impfen und Testen. Der Bund sollte unbedingt die Zulassung von neuen Impfstoffen beschleunigen. Ferner liessen sich mit Schnell- und Selbsttests neue Ansteckungen eindämmen. Der Wunsch nach Normalität und die Sorge der Epidemiologen liessen sich versöhnen. Der Kompromiss liege auf der Hand: mehr Freiheit für jene, die weder sich noch andere gefährdeten. Sprich Privilegien für Geimpfte.

«Le Temps»:

Die Schweizer Bevölkerung habe sich zu früh auf die Öffnungen von Restaurants und Terrassen gefreut, schreibt der Kommentator der Westschweizer Tageszeitung «Le Temps». Der Bundesrat habe sich mit seinem vor zwei Wochen vorgelegten Fahrplan für Lockerungen zu weit aus dem Fenster gelehnt. Namentlich das Gastgewerbe und die Kulturveranstalter seien nun bitter enttäuscht. Zuvor seien aber wohl die mahnenden Worte von Gesundheitsminister Alain Berset überhört worden, was falsche Erwartungen geweckt habe. Kritisch merkt «Le Temps» an, dass Berset die enttäuschende Botschaft gestern Freitag den Medien und der Öffentlichkeit allein habe überbringen müssen. Namentlich Bundespräsident Guy Parmelin sei schmerzlich vermisst worden.

«La Liberté»:

Der Bundesrat gehe vor Ostern wie auf Eiern, heisst es im Kommentar der Freiburger Tageszeitung «La Liberté». Wie wenn die Landesregierung auf ihrem Hochseilakt zwischen Erhalt der Gesundheit und wirtschaftlichen Interessen nicht schon genug um die Ohren habe. Das sei kein Spaziergang zum Vergnügen, zitiert das Blatt Bersets Aussagen vom Vortag. Der Bundesrat habe die bereits halb geöffnete Tür angesichts steigender Fallzahlen wieder schliessen müssen. Er habe dabei dem Ruf der Wirtschaft, der Kantone und Teilen der Bevölkerung widerstanden, rasch zu lockern. Das sei nicht mehr als konsequent. Der Bundesrat wolle die Kontrolle in diesem entscheidenden Moment der Pandemie nicht verlieren. Das Virus könnte sonst die positiven Effekte der Impfkampagne konterkarieren.

Quelle: sda
veröffentlicht: 20. März 2021 09:05
aktualisiert: 20. März 2021 09:05